"Bin mit 150 Prozent an die Wand gefahren"

- Zwölf Jahre lang, von 1989 bis 2001, war Peter Dingler (SPD) Bürgermeister der Gemeinde Vaterstetten. Am 18. Februar 2001 unterlag er gegen Robert Niedergesäß (CSU), der an diesem Tag seinen 30. Geburtstag feierte. Dingler (damals 57) machte die Niederlage schwer zu schaffen. Wenige Wochen nach dem Aus im Rathaus legte er auch sein Mandat als Kreisrat nieder. Heute arbeitet er in einer Münchner Anwaltskanzlei und kümmert sich hauptsächlich um kommunalrechtliche Belange. Freunde und politische Weggefährten freuen sich, dass Peter Dingler in letzter Zeit wieder vermehrt an Veranstaltungen in seiner Heimatgemeinde teilnimmt. Wir besuchten den Alt-Bürgermeister in seinem Haus am Vaterstettener Dohlenweg.<BR>

Wie geht es Ihnen, Herr Dingler? Wann waren Sie, nach der Niederlage gegen Robert Niedergesäß am 18. Februar 2001, wieder in der Lage, diese Allerweltsfrage zu beantworten?<P>Dingler: Jetzt! In der heutigen Situation kann ich guten Gewissen sagen: "Mir geht`s gut." Es hat schon ein paar Jahre der Vergangenheitsbewältigung gebraucht. Diesen schmerzhaften Prozess habe ich Gott sei Dank hinter mir. Schließlich war ich zu 150 Prozent in meinem Job als Bürgermeister tätig. Und mit 150 Prozent bin ich damals auch an die Wand gefahren. Man darf nicht vergessen, dass die Kräfte und Ideen, die man als Bürgermeister entwickelt, am Tag der Wahlniederlage bestehen bleiben. Dieser 18. Februar 2001 war für mich wie ein plötzlicher Trauerfall, den man einfach verdauen muss. So etwas dauert in der Regel zwei bis drei Jahre - bei mir war`s nicht anders.<P>Als was fühlt sich Peter Dingler heute - mehr als Rechtsanwalt mit Hang zur Kommunalpolitik oder umgekehrt?<P>Dingler: In erster Linie fühle ich mich als begeisterter Großvater. Heuer werde ich zum vierten Mal Opa. Ein wirklich schönes Gefühl! Als Nächstes kommt der Anwalt mit starkem Hang zur Kommunalpolitik. Nach wie vor bitten mich viele Bürgermeister und Landräte um juristischen Beistand. Außerdem bin ich für die Arbeiterwohlfahrt tätig, auf Landes-, Bezirks- und auf Kreisebene. Die AWO tut nicht nur viel für ältere Menschen, sondern auch für die junge Generation, übernimmt die Trägerschaft für Kinderhäuser und Jugendzentren. Wenn`s gut läuft, soll die AWO auch für das neue "Haus für Kinder", am Baldhamer Feckl-Grundstück, die Trägerschaft übernehmen. Eine besonders reizvolle Aufgabe - gerade für einen Pazifisten wie mich - sind die Crashkurse in Rechtslehre für Offiziere. Dazu fahre ich extra in die Regensburger Bajuwarenkaserne. Damit mache ich viele Zeitsoldaten fit für seine spätere Aufgabe in der freien Wirtschaft oder Administration.<P>Bestimmte Vereine, vor allem die Partnerschaften mit Allauch (Südfrankreich) und Alem Katema (Äthiopien) scheinen Ihnen besonders am Herzen zu liegen. Wird die Öffentlichkeit in dieser Hinsicht von Ihnen Überraschungen erleben?<P>Dingler: Alem Katema liegt mir wirklich sehr am Herzen. Vor allem, weil es die einzige Partnerschaft einer deutschen mit einer afrikanischen Kommune ist, die wirklich funktioniert. 240 Vereinsmitglieder sprechen sicherlich eine deutliche Sprache. Vor ein paar Jahren waren es gerade mal 40. Ganz besonders freut es mich, dass auch die CSU voll mitzieht. Alem Katema ist jetzt wirklich kein Parteien-Thema mehr. Die jüngst besiegelte Partnerschaft zwischen der Realschule Vaterstetten und einer Primary School in Alem Katema finde ich hervorragend. Durch eine Vielzahl derartiger Projekte und Kontakte sind die Menschen beider Erdteile erst in der Lage, sich gegenseitig besser zu verstehen. Was Allauch anbelangt, freue ich mich über weitere freundschaftliche und kulturelle Kontakte zwischen Deutschen und Franzosen. Von einer Partnerschaft im Sinne tiefgründiger Vökerverständigung kann man dabei nicht mehr reden. Aus den einstigen Erbfeinden Frankreich und Deutschland sind längst Freunde und Verbündete geworden. Wenn es meine Gesundheit zulässt, werde ich im nächsten Jahr, zum 25-jährigen Bestehen der Partnerschaft, selbst nach Südfrankreich radeln.<P>Gibt es ein Comeback von Peter Dingler im Gemeinderat Vaterstetten bzw. Kreistag Ebersberg?<P>Dingler: Mit Sicherheit nicht! Allenfalls werde ich beratend tätig sein, sowohl im kommunalen Bereich als auch im Vereinswesen - allerdings ohne Mandat.<P>Was interessierte Sie mehr in den letzten fünf Jahren - die Entwicklung in Vaterstetten oder im Landkreis?<P>Dingler: Den Landkreis Ebersberg habe ich - vor allem unter dem damaligen Landrat Hermann Beham - als meine politische Heimat empfunden. Der Kreis selbst muss in zunehmendem Maße unter dem Aspekt der Regionalentwicklung betrachtet werden. Das ist keine kurzfristige Angelegenheit, sondern eine Daueraufgabe der Kommunalapolitik. In meiner Gemeinde fallen mir einige Themen ein, die noch unter Bürgermeister Dingler auf den Weg gebracht wurden. Als da wären: die Lärmschutzwand entlang der Bahnlinie, die Bebauung des Fecklgrundstücks, der Kreisel am Ortseingang Vaterstetten, von Ottendichl kommend. Was ich bedauere, ist die Tendenz, Grundstücke nur aus rein fiskalischen Gründen zu veräußern. Auch hätte der ALDI locker ein zweites Stockwerk vertragen. Aber es sollte halt schnell Geld in die Kasse kommen.<P>Ratschläge für Nachfolger Robert Niedergesäß oder Landrat Gottlieb Fauth?<P>Dingler: Geht sorgsam und fair mit euerem Personal um und sorgt dadurch für ein kollegiales Klima! Ob Landrat oder Bürgermeister - ich kann jedem nur dringend anraten, keine kurzfristigen Entschlüsse zu treffen, sondern bei jeder Entscheidung auch deren Nachhaltigkeit zu überprüfen und weit über die jeweilige Wahlperiode hinaus zu denken. Dazu gehört auch, nicht jedes Gemeindegrundstück gleich zu verscherbeln, weil man Geld braucht.<P>Um die Gemeindefinanzen in den Griff zu bekommen, hätte ein Bürgermeister Dingler auch eine Art IZP aus dem Hemdsärmel gezaubert?<P>Dingler: Um es mal unmissverständlich klarzustellen: unter einem Bürgermeister Peter Dingler hätte es dieses neumodische Wort gar nicht gegeben. Durch so eine Namensverdrehung wird ein Sachverhalt total auf den Kopf gestellt oder nur schöngeredet. "Initiative Zukunft planen" heißt doch nur, dass die Gemeinde mehr Geld braucht. So einfach ist das! Bei IZP wundert mich nur eins: ausgerechnet die CSU hat sich im Wahlkampf immer gegen eine massive Bebauung ins freie Feld ausgesprochen. Das Areal von "Vaterstetten-West" war sogar im Landschaftsplan als Naherholungsgebiet vorgesehen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man einen Ort erst im Inneren verdichten soll, ehe man sich auf den Außenbereich stürzt.<P>Ist der kürzlich angedachte Science-Park eine Möglichkeit, die leere Gemeindekasse zu füllen?<P>Dingler: Überhaupt nicht! Die Orte Neufarn und Parsdorf müssen optisch getrennt bleiben. Durch einen Science Park würde ein klassischer, nicht integrierter Bereich entstehen, der einen Siedlungsbrei zwischen Neufarn, Parsdorf und Poing zur Folge hätte. Das kann niemand ernsthaft wollen. Außerdem würde noch mehr Verkehr angezogen. Eine Gärtnerei wie der Bayerische Blumengroßhandel ist ein durchaus zulässiger Betrieb im Außenbereich. Vor vielen Jahren hatten wir mal über eine Datenfachschule zwischen Neufarn und Parsdorf nachgedacht. Dabei hätte es sich um ein Einzelbauvorhaben gehandelt und nicht um einen Campus.<P>Was macht der literarisch angehauchte Alt-Bürgermeister - bleibt es bei Lesungen von Großvaters Gedichten oder sind eigene Werke in Arbeit?<P>Dingler: Ich werde nach wie vor Großvaters Gedichte vortragen. Das macht mir großen Spaß. Ich selbst schreibe auch, aber vorerst für mich! Mein nächster literarischer Auftritt ist im Fraunhofer in München - voraussichtlich im März. Wenn es meine Zeit zulässt, fahre ich mit dem Rad nach Niederbayern, nach Eggenfelden, wo ich aufgewachsen bin, um Kindheitserinnerungen aufzufrischen.<P>Das Gespräch führte<P>Johannes Danner<P>

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