RT "BIWI" ERHORN IST TOT

- Es war so gar nicht seine (Lebens-)Art, wie er sich aus dieser Welt verabschiedete. Still und leise starb am Wochenende im Alter von 70 Jahren Kochwirt Josef Erhorn, den alle Welt nur als "Biwi" kannte. Die Polizei fand ihn tot im Bett in seiner Wohnung im Kochwirt. Gäste hatten die Polizei alarmiert, als die Traditionsgaststätte in der Dachauer Altstadt geschlossen blieb.<BR>

War er nun eines der letzten Dachauer Originale oder einfach nur ein schrulliger Typ? Darüber hatten sich schon zu Lebzeiten Generationen von Dachauern den Kopf zerbrochen und sich auch zerstritten.<P>Jedenfalls war er ein Wirt, wie man ihn nur noch ganz selten findet, wahrscheinlich nirgendwo mehr. In den 60er Jahren war er als Wirt vom Postsportheim in den Kochwirt gekommen und hatte dort dann seinen legendären Ruf begründet. Geschichte sind seine riesigen Portionen zu einem unglaublich günstigen Preis, die er vor allem seinen jungen Gästen auf den Teller gab, vorwiegend Sportlern und hier vorzugsweise den Radfahrern von forice, den Basketballern des TSV 1865 Dachau oder den Volleyballern des ASV Dachau ("De junga Leit miassn wos im Magen ham"). Seine Gunst konnte sich freilich schnell verspielen, wer nicht den Teller vollkommen leer putzte. Noch schlimmer erging es jemand beim "Biwi", der es wagte, ein kleines Bier zu bestellen. So mancher Gast musste da nicht nur viele Minuten warten. Wenn er dann ob seiner angeblich vergessenen Bestellung reklamierte, erfuhr er unverblümt: "Hast jetzt lang gnua g`wart, dass`d a richtiges Bier vertragst?" Und so manche Dame aus der "feinen Gesellschaft" wunderte sich ob des klaren Hinweises, "des is a Wirtschaft, s`Cafe is im Schloss drom", wenn sie einen Kaffee orderte.<P>So war er halt, der "Biwi" - und trotzdem (oder auch vor allem deswegen) trafen sich alle Schichten beim Kochwirt. Ob der städtische Straßenkehrer oder der Schuldirektor, der Handwerker oder der Jurist, der Sozi, der Grüne oder der Schwarze. Gerne titulierte sich "Biwi" als der "letzte Kommunist Dachaus" - um sich die Hacken abzulaufen (was er höchst ungern und auch selten tat), wenn sich die "schwarzen Stadträte" an seinen Tisch setzten. Politik und Sport waren seine großen Hobbys - und hier nicht nur der 1. FC Nürnberg, sondern auch die kleinen Vereine in Stadt und Landkreis Dachau. Mit seinem Radl war er zu den Sportveranstaltungen unterwegs, um anschließend den Karlsberg hinaufzuschieben, um seine Wirtschaft zu öffnen. Und für die Sportler gab es dann auch zu mitternächtlicher Stunde noch ein frisches Schnitzel gebraten, wenn allen anderen Gästen schon vier Stunden zuvor beschieden wurde: "A Wurschtsemme konnst no hom, oas andere gibt`s heit nimma." So war er, der "Biwi", lauthals und schrill, Original oder nur ein bisschen verrückt. Aber eben nicht so, wie er aus dieser Welt schied.<P>Kurt Göttler

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