Blaue Krawatte mehr wert als Gold

- VON CHRISTIAN HEINRICH Grainau - Bei den Fußballern ist es so, dass sie nach jedem bedeutsamen Spiel die Trikots tauschen. Die Schützen tauschen nicht ihre Waffen, sondern ihre Krawatten aus. Mit einigem Stolz trägt Hannes Oberpriller seit ein paar Tagen ein blaues Exemplar mit vielen kleinen gelben Bogenschützen. Es ist der offizielle Schlips der Schweden, genauer gesagt, der von Johann Karlsson, und für den Grainauer Perkussionsschützen ein ganz besonderes Souvenir. Der Skandinavier hat Oberpriller bei den Europameisterschaften in Pforzheim um Haaresbreite die Goldmedaille in der Disziplin Original Perkussionsgewehr weggeschnappt.<BR>

Der "Waxlstoa" befand sich auf geradem Weg zum Sieg, obwohl sein Kopf mächtig Rabatz machte: "Ich war nervös wie die Sau", gibt Oberpriller zu. Einen Zehner hätte er im letzten Schuss gebraucht, es wurde aber eine 9,5. Damit standen für ihn insgesamt 98 Ringe zu Buche, die neuen Europarekord bedeuteten. Karlsson kam auch auf die selbe Summe, wies aber das bessere Trefferbild auf. Also bekam der Schwede den Titel und den Rekord zugeschrieben, was Oberpriller seinen Kontrahenten gönnte. "Ich habe mich riesig mit ihm gefreut", räumt er ein.

Denn damit waren die Dinge wieder zurecht gerückt. Vor drei Jahren hatte sich der Versicherungskaufmann bei der Weltmeisterschaft schon einmal ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Karlsson geliefert und um einen Millimeter das Championat gewonnen. Oberpriller konnte sich so viel Generosität auch leisten. Denn neben der Silbermedaille fischte er noch dreimal Gold mit der Mannschaft ab. Damit übertraf er seinen eigenen "Wunschtraum" (einmal das ganze Medaillensortiment) um ein Vielfaches.

Dass Oberpriller bei seiner ersten Europameisterschaft in der Form seines Leben schießen würde, hatte sich schon vorher angedeutet. Der 48-Jährige hatte sich bei den Altschützen Garmisch und der FSG Schongau bestens vorbereitet und stellte dies

Den gallischen Gockel gerupft

gleich beim Länderkampf Mitte Juli in Pforzheim unter Beweis, bei dem er zwei erste Plätze im Mannschaftswettbewerb (Steinschlossmuskete und Luntenschlossgewehr) einfuhr. Bei der Europameisterschaft machte er gleich in diesem Stil weiter. Mit dem Team holte er in der Disziplin der Original Muskete den Titel. Er selbst steuerte 85 Ringe bei, der Lichtenfelser Eckhard Stork 87, der Bruchsaler Günter Böser 91. "Ein sehr gutes Mannschaftsergebnis", wertet Oberpriller die 263 Zähler.

Das war aber erst die Ouvertüre. Denn auch in der Königsdisziplin "Grand Prix de Versailles" gewann er Gold. Das Schießen setzt sich aus zwei Waffengattungen (Original Muskete und Dienstgewehr) zusammen und ist eigentlich die Domäne der Franzosen. "Doch dieses Mal haben wir den gallischen Gockel gerupft", freut sich Oberpriller. Mit 539 Ringen stellten die sechs deutschen Schützen eine neue kontinentale Bestmarke auf. Es kam aber noch dicker für die Franzosen. Mit dem Luntenschlossgewehr landete die deutsche Equipe ebenfalls auf dem obersten Treppchen. Die 289 Ringe, die Oberpriller (94), Walter Massing (98) und Johannes Dippel (97) erzielten, waren neuer Europarekord. Doch der bedeutet dem Grainauer nicht so viel, wie die Krawatte aus Schweden, die jetzt seine eigene Kollektion erweitert.

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