Buchenland-Deutscher mit dunkler Vergangenheit

- München -­ Am Ende herrschte "tiefe Betroffenheit", wie Ewald Zachmann sagt. Als der Bundesvorsitzende der Buchenlanddeutschen vor den Delegierten seines Verbands in Darmstadt die NS-Vergangenheit von Rudolf Wagner schilderte, traf das ins Herz.

Ausgerechnet der Münchner Wagner, die graue Eminenz ihrer Volksgruppe in Bayern ­ein SS-Mitglied, ein emsiger Mitarbeiter des Berliner SS-Reichssicherheitshauptamts, einer Schaltzentrale des Völkermords. Immerhin: "Ich gehe davon aus, dass er an keinen Kriegsverbrechen beteiligt war", sagt Zachmann. Und fügt an: "Schlimm genug, dass er Teil des NS-Unterdrückungsapparates war."

Zachmann ist Rechtsanwalt in Olching und für die Freien Wähler Vize-Landrat in Fürstenfeldbruck, kein Mann mit Schaum vor dem Mund. Er kannte den 2004 verstorbenen ersten Sprecher der Buchenlanddeutschen in Bayern persönlich, wie so viele der aus der heute rumänischen Bukowina (West-Ukraine) Vertriebenen. "Wagner genoss überall hohes Ansehen." Steht er jetzt als Beispiel für die bislang ungeprüfte Behauptung, dass bei den Vertriebenenverbänden der Anteil ehemaliger Nationalsozialisten besonders hoch war?

Von München aus organisierte er seit den frühen Nachkriegsjahren ganz praktische Hilfe für die Buchenländler, er wurde in die fünfköpfige Führung der Landsmannschaft gewählt und war fortan Kontaktperson. Da er fließend ukrainisch sowie rumänisch sprach, konnte er auch mit Exil-Ukrainern und -Rumänen gut. Wagner war dann von 1954 bis 1958 bayerischer Landtagsabgeordneter für den Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten. Da war er Wortführer derjenigen, die sich lieber mit der CSU assoziieren wollten und die legendäre, SPD-geführte bayerische Viererkoalition 1957 auseinanderjagten.

Osteuropa-Experte im Dienste des BND?

Später lehrte Wagner an der damaligen Münchner Hochschule für politische Wissenschaften (heute Hochschule für Politik). Vielleicht war er auch Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes, das jedenfalls nimmt Zachmann an. "Beruf: Sachbearbeiter", steht bei Wagner vielsagend im Landtagshandbuch.

"Ein absoluter Osteuropa-Experte", charakterisiert ihn Zachmann. Und der Mann mit dem markanten Schmiss auf der Wange wäre wohl gerne Wissenschaftler an der Universität geblieben, wie er es schon vor 1945 war. Zwölf Bücher und 150 Artikel zeugen jedenfalls von "vorurteilsloser und tiefgründiger Geschichtsschreibung", wie sein enger Vertrauter, ja Freund Rudolf Fritsch sagt. Der Münchner Mathematikprofessor hat 2004 die Grabrede auf Wagner gehalten und ist einer derjenigen, die sich die NS-Vergangenheit seines Bundesbruders von der schlagenden Studentenverbindung Arminia-Czernowitz absolut nicht vorstellen können.

Ähnlich reagiert auch Lucian Geier vom Bukowina-Institut Augsburg. Merkwürdig, sagt er, Wagner habe immer nur auf seine "Wehrmachts-Zugehörigkeit" verwiesen. "1940-1945 Wehrmacht und englische Gefangenschaft", so lautet auch die dürre Selbstauskunft, die Wagner seinerzeit gegenüber dem Landtag erteilte. Bis heute steht es so auf der Homepage des Hauses der bayerischen Geschichte, die die Biografien aller Abgeordneten sammelt. "Da hat er etwas verschwiegen", heißt es bei den Historikern jetzt.

"Wir haben nicht genug nachgefragt."

Lucian Geier, Bukowina-Institut

Was Wagner verschwieg, geht aus Dokumenten des Berliner Bundesarchivs hervor, die der Journalist Erich Später recherchiert hat und die unserer Zeitung vorliegen. Demnach ist Wagner 1940 als 29-Jähriger in Himmlers Schutzstaffel (SS) eingetreten (Mitgliedsnummer 358\x0f703) und dem Reichssicherheitshauptamt unterstellt worden. Zeitweise war er zu sicherheitspolizeilichen Einsätzen abkommandiert, in Paris, in Belgrad.

Über ein Stipendium des Verbands für das Auslandsdeutschtum kommt Wagner von Rumänien nach Marburg. Während des Studiums wird er für den Geheimdienst der SS angeworben: "Im Jahr 1938 kam ich auf Vorschlag der Studentenführung in Marburg zum SD", schreibt Wagner 1941 in einem Lebenslauf. SD steht für "Sicherheitsdienst". Der SD, wo Wagner laut eigenem Lebenslauf als "Sachbearbeiter" wirkt, unterhält ein "Wannsee-Institut", in das der Rumäniendeutsche noch 1938 wechselt.

Es ist, so hat der auf die Geschichte der SS spezialisierte Hamburger Historiker Michael Wildt recherchiert, ein "Ostinstitut", das Hintergrundberichte "zu speziellen Themen wie die Rote Armee, Landwirtschaft oder den Bodenschätzen der Sowjetunion liefert" und später dem Reichssicherheitshauptamt angegliedert wird. In den dürren Angaben für den Landtag wird Wagner sich später als ehemaliger "Assistent am Osteuropa-Institut Berlin" firmieren ­ und so die SS-Angliederung des Instituts bemänteln. Institutsleiter ist übrigens Prof. Dr. Michael Achmeteli, ein Vertrauter von Reinhard Gehlen, der später den BND-Vorläufer in Pullach aufbaute. Diese Beziehung ist für den Buchenland-Bundeschef Zachmann ein Grund zur Annahme, dass auch Wagner später zum BND wechselte: "Das liegt doch in der Natur der Sache."

Als SD-Mann geht Wagner 1940 zur "Volksdeutschen Mittelstelle", die verschiedene "Kommissionen" zur Umsiedlung der Deutschen in den Ostgebieten einsetzt. "Volkstumsarbeit" war das in der Sprache dieser Zeit. Von Dezember 1940 bis März 1941 ist er dem Befehlshaber für die Sicherheitspolizei und des SD (BdS) in Paris, von Mai bis November 1941 dann dem BdS in Belgrad zugeteilt. Was Wagner dort macht, liegt im Dunkeln, wie so vieles in seiner Biographie. "Wir haben nicht genug gefragt", räumt Lucian Geier vom Augsburger Bukowina-Institut ein. "Um die Aufarbeitung unserer Geschichte ist es nicht gut bestellt." Im Nachhinein sei ihm vieles klar, etwa warum Wagner zwar für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen worden sei, es aber nach näherer Überprüfung nicht erhalten habe. Indes: Wagner sei doch im Jahr 2000 bei der 50-Jahrfeier der "Charta der Heimatvertriebenen" vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder als "Mann der ersten Stunde" geehrt worden. Und die Czernowitzer Universität hat ihm die Ehrendoktorwürde verliehen. Das gebe Rätsel auf.

Geier hat aufgrund der Recherchen unserer Zeitung jetzt ehemalige Bekannte von Wagner angeschrieben. "Weil wir wenigstens im Nachhinein Bescheid wissen wollen."

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