Das Edelweiß am ,Dach Europas`

- VON LUDWIG HUTTER Oberammergau - Als die Nachricht im Führer-Hauptquartier eintraf, dass deutsche Gebirgsjäger am 23. August 1942 den 5633 Meter hohen Elbrus im Kaukasus genommen und auf dem Gipfel die Reichskriegsflagge mit dem Edelweiß gehisst hatten, war Adolf Hitler außer sich vor Wut. Sein Reichsminister Albert Speer (1905-1981) erinnerte sich später: Er habe den Führer oft wütend erlebt, selten aber sei es aus ihm so herausgebrochen wie bei dieser Kunde.<BR>

Noch nach Tagen soll Hitler gepoltert haben über diese "verrückten Bergsteiger", die vor ein Kriegsgericht gehörten, und die mitten im Krieg - von ihrem idiotischen Ehrgeiz getrieben - einen idiotischen Gipfel besetzt hätten, obwohl er doch befohlen hatte, dass sich alle Anstrengungen auf Suchum, die Stadt am Schwarzen Meer, konzentrieren sollten.<P>Silbermedaille bei WM in Cortina <P>Einer dieser "verrückten Bergsteiger" damals war Michl Doll aus Oberammergau, der sich heute - 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges - noch sehr gut an die Besteigung des Elbrus, das "Dach Europas", erinnert. Er hat Aufzeichnungen gesammelt, Fotos, Zeitungsausschnitte, und daraus ein kleines Tagebuch verfasst. Denn für den überaus rüstigen Rentner, der am kommenden Samstag, 29. Januar, zusammen mit seiner Frau im Haus "Im Himmelreich 30" in Oberammergau den 89. Geburtstag feiert, war dieses Erlebnis ein prägender Abschnitt seines Lebens.<P>Am 9. November 1937 - im Alter von 21 Jahren - war Michael Doll eingezogen worden. Als späterer Unteroffizier der 3. Funk-Kompanie 54 bei der 1. Gebirgsdivision kannte er seinen damaligen Vorgesetzten, Oberleutnant Herbert Leupold, aus der gemeinsamen Zeit in der Ski-Nationalmannschaft. 1941, bei der WM in Cortina d`Ampezzo, kämpfte Leupold im Langlauf, Doll in der Ski-Patrouille, und gewannen dort gemeinsam die Silbermedaille.<P>Ein halbes Jahr später führte der Oberleutnant eine Gruppe deutscher Gebirgsjäger bei einem Einsatz im Kaukasus. Der Marschbefehl lautete auf Suchum am Schwarzen Meer. Da sich in dieser Region auch der Elbrus - Europas höchster Berg, der als ehemaliger Vulkan alle anderen kaukasischen Gipfel um einige 100 Meter überragt - befindet, entschlossen sich Leupold, Doll und die anderen Kameraden, den Berg zu besteigen. Im August 1942 wurde schließlich das "Unternehmen Elbrus" in Angriff genommen.<P>Einige waren jedoch beim Aufstieg vom Elbrushaus (4200 m) über endlose Firnhänge zur Elbrusscharte (5100 m) an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt. Sie hatten große Probleme mit der Höhe. In 4800 Metern ließ Herbert Leupold vier Mann zurück, die restlichen nahmen den Aufstieg in Angriff. Michl Doll erinnert sich an die spärliche Ausrüstung: "Wir hatten Steigeisen, Pickel, Seil, Kompass und Sonnenbrille. Als Kleidung trugen wir einen schäbigen Waffenrock, eine dünne Windbluse und gestrickte Fingerhandschuhe, das war nicht viel."<P>Acht Gebirgsjäger auf dem Gipfel <P>Als letzte Stärkung vor dem Aufstieg gab es einen Schluck gezuckerte Kondensmilch aus englischen Vorräten des Elbrushauses. In 30 Minuten trug schließlich der Oberammergauer die metallene Flagge der 1. Gebirgsdivision mit dem Edelweiß auf den höchsten Gipfel des Elbrus in 5633 Metern, und verankerte sie neben dem trigonometrischen Punkt. Andere Kameraden waren bereits zwei Tage vorher auf dem Gipfel, doch deren Fahnen hatten dem Sturm nicht standgehalten. Zu Acht standen Doll und seine Bergkameraden nun am 23. August 1942 auf dem "Dach Europas", und genossen bei traumhaftem Wetter einen unbeschreiblichen Ausblick auf die Gipfel des Zentral-Kaukasus, auf das Schwarze Meer im Süden und den höchsten Berg der Türkei, den Ararat (5113 m). "Ich werde diesen Tag nie vergessen", schwärmt der bald 89-jährige Oberammergauer noch heute über dieses einmalige Gipfelerlebnis.<P>Begegnung mit Hans Ertl <P>Beim Abstieg übrigens begegneten die acht Gebirgsjäger noch dem bekannten Bergsteiger Hans Ertl, der sie mit den Worten begrüßte: "Jetzt bin i z`spat kemma, aber i steig trotzdem auf!" Am 26. August 1942 endete das "Unternehmen Elbrus", "ohne dass es", und darauf legte Michl Doll großen Wert, "einen Verletzten oder gar Toten gegeben hätte". Nur einen Monat später zogen erneut zwei Gebirgsjäger mit einer Sondergenehmigung von General Konrad los, um den Elbrus zu besteigen. Sie bekamen jedoch die Höhenkrankheit, und starben während des Aufstiegs. Ihre Leichen wurden eingeschneit.<P>Anfang Januar 1943 wurde im Rahmen der Rückzugsbewegungen aus dem Kaukasus auch das Elbrushaus geräumt. Man ließ diese bedeutende Bauanlage im Hochgebirge unversehrt, und so konnten nach dem Krieg noch Tausende von internationalen Bergsteigern den östlichen und westlichen Elbrus-Gipfel besteigen. Im August 1998 wurde das Haus durch ein Brandunglück zerstört.<P>

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