"Eine Referentin verschwindet"

Abschied ohne Lydia Hartl: - Sang- und klanglos verschwindet die Münchner Kulturreferentin Lydia Hartl aus ihrem Amt. Bei der letzten Sitzung "ihres" Ausschusses fehlte sie gestern - wie auf den Sitzungen zuvor. Dies trug der 52-Jährigen erbitterte Abschiedsreden der Stadträte ein.

München - Als Stadtbaurätin Christiane Thalgott neulich aus ihrem Amt verabschiedet wurde, regnete es rote Rosen und Komplimente auf sie herab. Lydia Hartl (parteilos), die als Leiterin des Münchner Kulturreferats sechs Jahre lang in der Kritik gestanden hatte (siehe Kasten unten), erging es komplett anders. Zur letzten Ausschusssitzung ihrer Amtszeit, bevor sie am 1. Juli an Hans-Georg Küppers übergibt, erschien sie gar nicht erst.

Laut Protokoll weilte Hartl auf Dienstfahrt - und bereits die vorherigen Sitzungen hatte sie geschwänzt. "Es ist unmöglich, wie sich Frau Hartl aus diesem Haus herausschleicht", schimpfte Siegfried Benker (Grüne). "Eine Referentin verschwindet." Auch die kulturpolitische Sprecherin der SPD, Ingrid Anker, betonte, sie hätte sich einen "formal korrekten Schlussstrich" gewünscht. "Aber das letzte halbe Jahr passt zur ganzen Amtszeit."

Anlass für die finale Schelte war eine Vorlage zur Kulturförderung für die kommenden Jahre, die Hartls Handschrift trägt. Diese stand zur Absegnung an. Richard Quaas (CSU) fand deutliche Worte dazu: "Wir müssten bescheuert sein, wenn wir den neuen Kulturreferenten mit dieser Vorlage in die Zukunft schicken würden." Hartl habe "Interesse an der Kulturstadt München" vermissen lassen. Deshalb: "Kein auf Wiedersehen, höchstens Adieu."

Wo Hartls berufliche Zukunft liegt, ist unklar. Die einzig warmen Worte zu ihrem Abschied jedenfalls kamen aus dem Mund von Christa Stock (FDP): "Ich habe Lydia Hartl als herzliche, freundliche und nette Frau kennengelernt. Sie hat einfach nicht den richtigen Job gehabt."

OB Christian Ude (SPD), der zuletzt aus seiner Unzufriedenheit mit der Professorin keinen Hehl mehr gemacht hatte, sagte: "Ich bedanke mich für die Fairness." Er selbst habe mit Hartl vor wenigen Monaten ein Gespräch geführt und ihr drei Ratschläge gegeben: Präsenzpflichten penibel ernstzunehmen, Termine einzuhalten und keine Festlegungen zu treffen, die in eine nächste Amtszeit hineinragen. "Heute sehen Sie die Frucht dieses Gesprächs", ätzte er. Und schloss: "Wenn Beratungsresistenz eine Qualität ist, liegt sie hier hochkarätig vor."

Die Entscheidung über die städtische Kulturförderung wurde vertagt, um Hartls Nachfolger Hans-Georg Küppers mitreden zu lassen. Bitteres Resümee von Rätin Anker: "Wir haben‘s ganz gut überstanden."

Vorwürfe an Hartl

Kritik an der 1955 in Schwabing geborenen Hartl, Doktorin der Humanmedizin sowie Psychologie und seit 1994 Professorin, hat es im Laufe ihrer Amtszeit seit Juli 2001 genügend gegeben: So installierte Hartl Wouter Hoekstra als Intendant der Philharmoniker, mit dem diese aber nicht grün wurden - und mit dem sich bald auch Generalmusikdirektor Christian Thielemann gewaltig überwarf. Die von ihr initiierte Organisationsreform im Referat wurde kritisiert. Im Bereich Kunst im öffentlichen Raum ließ Hartl Fristen verstreichen und somit letztendlich Gelder verfallen. In diesem Bereich gab es im Kulturausschuss heftigen Streit mit den Stadträten. Diese warfen ihr vor, Zuschüsse nach persönlichen Vorlieben zu vergeben und Gremien sowie ihr eigenes Amt zu ignorieren. Generell attestierte man der 52-Jährigen mangelnde Kommunikationsfähigkeit.

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