Ende der internationalen Karriere

- VON CHRISTIAN HEINRICH Grainau - Es blitzt und kracht, als wäre der Donnergott Zeus persönlich vom Olymp herabgestiegen. Doch dem ätzenden Schwarzpulverdampf auf der Schießanlage der Altschützen Garmisch entsteigt kein antiker Heroe, sondern ein gestandenes Mannsbild mit listigem Oberlippenschnurrbart, das hastig versucht, die brennenden Funken aus seinem dunklen Haupthaar zu streichen. Zwar gelingt es dem Schützen, den Dachbrand schnell zu löschen, aber ein Funken hat sich in seine Schießjacke verirrt. "Verflixt!" Hannes Oberpriller jault auf, reißt sich sein Gewand vom Leib und entfernt aufgeregt den Verursacher seiner Schmerzen, während sich in seiner Armkehle schon die erste Brandblase bildet.<BR>

Solche Unfälle sind in seinem Sport programmiert. Der 48-jährige Grainauer ist zwar kein Experte für Pyrotechnik, doch auf dem gesamten Erdball gibt es kaum einen Büchsenträger, der mit dem Luntenschlossgewehr sicherer umgehen kann als er. Dass es in seiner Karriere den einen oder anderen Brandfall gab, stört ihn wenig, schließlich weiß er als Versicherungskaufmann in solchen Angelegenheiten Rat. Doch irgendwie hat Oberpriller in den vergangenen Tagen sein Feuer verloren, das in dem Alpenvulkan lebhaft brannte. "Ich ziehe mich vom internationalen Geschehen zurück", verkündet der Perkussionsschütze. <P>Der Gau Werdenfels verliert damit seinen einzigen Kaderangehörigen und der Deutsche Schützenbund (DSB) ein wahrhaftes Original. "Ich bin eine Show", sagt Oberpriller über sich selbst. Doch die ist leider vorbei. "Ich bin eine Show" Hannes Oberpriller Der Grainauer war innerhalb der deutschen Equipe Hans Dampf in allen Gassen und Stimmungskanone zugleich: "Rolling Waxlstoa" eben. Die ausländischen Schützen wussten den temperamentvollen Oberbayern nicht nur als Folklore zu schätzen und der eigene Verband ihn als bierernsten Kritikaster zu fürchten. Als der Präsident des DSB, Josef Ambacher, ihn vor drei Jahren schriftlich zum Gewinn der Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft gratulierte, setzte es einen geharnischten Brief als Antwort auf das formelle Schreiben. Oberpriller stellte launig klar, dass er Weltmeister und nicht Vize war. Das sorgte für Aufruhr beim Boss, dem deutliche Worte aus seiner Umgebung eher fremd sind.<P>Eine Fortsetzung wird das Duell zwischen dem Charakterkopf aus dem Werdenfelser Land und dem Allmächtigen aus Starnberg wohl nicht mehr finden. "Was kannst du sportlich noch für Ziele haben außer Wiederholungen", fragt Oberpriller und klingt dabei irgendwie müde. In den vergangenen vier Jahren, in denen er auf der internationalen Bühne präsent gewesen ist, hat er zweimal einen Titel bei einer Weltmeisterschaft und dreimal bei einer Europameisterschaft gewonnen, ganz zu schweigen von den anderen Stockerlplätzen. Dass er bei bayerischen und deutschen Titelkämpfen ebenfalls kräftig abgesahnt hat, ist da eher eine Marginalie. "Ich habe tolle Erfolge für die Werdenfelser Schützen nach Haus gebracht", würdigte er seine Leistungen gleich selbst.<P>Sein Gau dankte es ihm, denn sportlich gesehen hatte die Sektion in letzter Zeit wenig zu bieten - außer der Luftgewehrschützin Barbara Lechner, die ein kurzes Intermezzo in Klais gab. "Super, einer von uns hat wieder etwas zernagelt", zitierte Oberpriller die allgemeinen Reaktionen, wenn er medaillenbehangen von den internationalen Wettkämpfen zurückkehrte.<P>Die Lobeshymnen werden nun verstummen. Auf das Edelmetall ist der Goldgräber nicht mehr scharf. Nachdem er in den vergangenen 48 Monaten seine Freizeit fast ausschließlich auf den Schießbahnen in Schongau und Garmisch verbracht hatte, rücken seine Frau Heidi und die beiden Kinder Matthias (21) und Elisabeth (16) wieder mehr in den Mittelpunkt. "Du musst dich um deine Frau kümmern, bevor sie davon läuft", weiß der Familienvater die Zeichen der Zeit zu deuten. Statt Steinschloss- oder Luntenschlossgewehr wird er in Zukunft an den Wochenenden seine Gemahlin packen und mit ihr auf seiner BMW 1150 GS durch die heimische Bergwelt brettern. <P>Seine Gewehre werden deshalb noch nicht gleich zu rosten anfangen. Ganz ohne Pulverdampf geht es natürlich nicht. "Ich werde sicherlich noch Wettkämpfe bestreiten, zwecks der Gaudi", kündigt er an. Schließlich will Oberpriller nicht auf seinen Spaß verzichten, weshalb eine Rückkehr in die internationale Perkussions-Szene auch nicht definitiv ausgeschlossen ist. "Never come back muss nicht sein", stellt er klar. Ein rollender Waxlstoa kann schließlich überall landen.<P>

Auch interessant

Kommentare