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Fünf Stunden Schicksal

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- Früher war Carl-Axel Fincke ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt; heute sitzt er im Rollstuhl und benötigt die Hilfe einer Pflegerin. Vor 14 Jahren lag er nach mehreren Operationen im Klinikum Großhadern lange im Koma. Ärztepfusch, sagen Fincke und seine Anwälte. Vor dem Landgericht versuchen sie, sechs Millionen Euro zu erstreiten: Schmerzensgeld, Verdienstausfall, materielle Schäden und Zinsen.

Nervös fühle er sich, sagt Fincke vor diesem Verhandlungstag: "Es ist nicht so einfach, dem Mann zu begegnen, der mir mein Leben versaut hat." Dieser Mann sitzt auf der Beklagtenbank: Professor R., eine Kapazität in der Neurochirurgie und früher Chefarzt in Großhadern. Die Klage richtet sich gegen ihn sowie gegen den Freistaat Bayern als Träger des Krankenhauses. Obwohl nervös, hat Fincke seinen Humor nicht verloren. Bald brauche er Autogrammkarten, witzelt er über das Blitzlichtgewitter vor dem Sitzungssaal. Auslöser dieser gesteigerten Aufmerksamkeit ist ein Magazinartikel über seine Geschichte.

Die ist haarsträubend: Im Oktober 1992 erleidet er eine Hirnblutung und wird in Großhadern operiert. Es handelt sich um einen riskanten Eingriff, in der folgenden Nacht treten Komplikationen auf. Am Morgen danach ­ es ist der 5. November ­ führt R. gegen 7.30 Uhr eine Computertomographie durch: Im Gehirn blutet es stark, eine Einklemmung des Stammhirns zeichnet sich ab. Der umstrittene Punkt: Es verstreichen mehr als fünf Stunden, bis Fincke erneut operiert wird -­ letztlich zu lange. Entscheidende Frage: Kunstfehler oder nicht?

Heute ist Fincke auf dem linken Auge blind und berufsunfähig, musste essen, trinken und schlucken mühsam neu lernen. Darüber, ob eine fahrlässige Verschleppung der Operation dafür verantwortlich ist, streiten sich die Gutachter. Ein von Finckes Anwalt Wolfgang Putz beauftragter Experte gibt als idealen Zeitpunkt 9 Uhr an. Weiterer Vorwurf der Kläger: Auf der Überwachungsstation -­ die Intensivstation war voll belegt ­- habe man nicht oft genug nach Fincke geschaut. Seine damalige Frau, von Beruf Ärztin, fand ihren Mann in einem aus ihrer Sicht schlimmen Zustand vor und drängte auf einen schnellen Eingriff. Als Fincke danach im Koma lag, schlug R. vor, die Apparate abzuschalten.

An diesem Tag im Zivilgericht sagen vier Zeugen aus, die die Beklagten geladen haben. Sie tragen wenig Erhellendes vor. Ein ehemaliger Oberarzt bezeichnet den Führungsstil seines ehemaligen Chefs als "autoritär" und nickt beim Abgang demonstrativ nur in Richtung Kläger. R. entschied also meist alleine -­ mehr sagt das über den Fall nicht aus.

Das Gericht vertagt sich auf März. Der Hauptgutachter soll bis dahin klären, ob dokumentierte Werte auf einen weniger schlimmen Zustand hindeuteten als der Augenschein durch die Ehefrau. Letztlich laufe es wohl auf einen Vergleich hinaus, sagt Richter Thomas Steiner am Ende. In welcher Höhe er liegen wird, bleibt offen.

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