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Gefährlicher Antiheld

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- VON DR. BÄRBEL SCHÄFER Dachau - Nichts hat an Gültigkeit verloren, wenn man sich in der Welt umsieht: weder die Korruption, noch der Opportunismus, noch die Skrupellosigkeit. Weder die kleinbürgerliche Verlogenheit, noch die spießige Selbstzufriedenheit, noch das nach oben Buckeln und nach unten Treten. "Herr Karl" ist eine brillante Satire, die uns auch heute noch den Spiegel der Gesellschaft vorhält, weil ihre Phänomene sich bis in die Gegenwart in geringen Veränderungen wiederholen.

Allein schon wegen seiner Allgemeingültigkeit ist das Stück sehenswert. Der Grazer Schauspieler Wolfgang Thon wagte sich auf der Bubu-Bühne im Café Teufelhart an den berühmten Einakter und hat sich damit eine himmelhohe Messlatte gelegt. Denn wie kaum ein anderes ist dieses Stück untrennbar mit seinem Schöpfer verbunden: Helmut Qualtinger hat sich den Monolog zusammen mit Co-Autor Carl Merz auf den Leib geschrieben. Der Wiener Schauspieler und Kabarettist schaffte mit dem Ein-Personen-Stück 1961 seinen Durchbruch, erntete dafür aber auch wüste Beschimpfungen. Qualtinger verkörperte "Herrn Karl" mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit und tat die Abgründe von Engstirnigkeit, angepasstem Gehorsam und kleinbürgerlicher Selbstherrlichkeit auf - Qualtinger war mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele "Herr Karl".

Mit diesem großen Vorbild im Nacken tritt Wolfgang Thon ein schweres Erbe an - und meistert es überzeugend. Er stellt die Figur glaubhaft, aber ganz anders als Qualtinger dar. Er ist in seinem weichen Wiener Dialekt bei weitem nicht so diabolisch, wortgewaltig und voll beißender Schärfe. Er lässt feinere Zwischentöne hören und konzentriert sich auf die Tragik des angepassten Drückebergers.

Vor dem Stapel von Bierträgern, im blauen Arbeitsmantel über weißem Hemd und Krawatte, zeigt Thon aber auch die Hilflosigkeit des "kleinen Mannes" und deckt dessen menschliche Schwächen auf, so dass man über ihn ebenso weinen wie lachen kann. Trotz seiner unangenehmen Charakterzüge stellt er ihn beinahe als sympathischen Antihelden dar, der aber umso gefährlicher ist: Das Böse verbirgt sich im Alltäglichen.

Herr Karl richtet seinen Monolog über sein Leben in der Zeit des Zweiten Weltkrieges an einen imaginären Mitarbeiter im Keller eines Feinkostladens. Dort erfährt man einiges über seine politischen Ansichten und Liebesabenteuer. Bezeichnend für den kleinkarierten Wendehals ist sein Umgang mit Frauen, die er verachtet aber dennoch aussnutzt.

Schlau hat er sich durchs Leben gewunden, hat es immer geschickt verstanden, sich anzupassen: Bis 1934, während der Wirtschaftskrise, war er Sozialist, dann, nach dem Rechtsrutsch, wurde er Anhänger der Nazis. "Dann ist der Hitler gekommen. Das war eine Begeisterung, ein Jubel, wie man es sich überhaupt nicht vorstellen kann. Endlich hat der Wiener eine Freud gehabt", sagt er mit unverhohlener Freude. Als dann die Russen kommen, hängt er das Hitlerbild ab und trampelt darauf herum. Mit einer platten Entschuldigung rechtfertigt er sich für sein liederliches Leben an der Seite einer verwitweten Wirtin: "I wor jo gegen sie a junger Mensch, verhötnissmäßig." Mit der zweiten Frau führt er eine "moderne Ehe" mit viel Freiheiten. Gleiches Verhalten ihrerseits ist jedoch gegen die "Würde des Mannes".

Es folgen die Mitgliedschaft im Sparverein, im Sterbeverein und die Trennung von der dritten Frau, denn "sie ist leidend gewesen". "Du musst einsehen, jetzt muass i weg", habe er ihr erklärt, so Herr Karl voll kühlem Egoismus. Seine Wohnung im Gemeindebau hat er in weiser Voraussicht beibehalten. Leben kann er von der gesparten "Arbeitslosen". Der Spruch "Bin jo net bled!" kommt einem irgendwie bekannt vor.

"Herr Karl" wird ein zweites Mal am Freitag, 12. Januar, auf der Bubu-Bühne im Café Teufelhart gespielt. Einlass ist um 20 Uhr, Beginn um 21 Uhr. Eintritt: zehn Euro. Reservierungen unter Telefon 0 81 31/7 11 33

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