Gelesene Erinnerung

München - Vor 75 Jahren brannten in Deutschland die Bücher. Zur Erinnerung an den 10. Mai 1933 gab es am Samstag auch in München Lesungen - etwa am Königsplatz und vor der Feldherrnhalle.

Von Bastian Reichert

Seit Samstag hat der saftige Rasen auf dem Königsplatz einen Schönheitsfehler: Ein pechschwarzer, verkohlter Kreis verunziert das Grün. Das verbrannte Gras ist keine Mahnung von Umweltaktivisten, sondern Wolfram Kastners eigene Art der Erinnerung. Der Münchner Künstler befeuerte am Samstag - wie jedes Jahr seit 1995 am 10. Mai - den Boden, um der Bücherverbrennung durch Nazionalsozialisten vor 75 Jahren zu gedenken.

Direkt neben dem "Brandfleck" versammelten sich die Besucher und lauschten. Sie hörten Kapitel aus verbrannten Büchern. Tucholsky, Brecht und Kästner wurden vorgetragen von Künstlern, Politikern und Schülern.

Unter dem Motto "München liest - aus verbrannten Büchern" trugen auch Prominente am Odeonsplatz damals verfemte Literatur vor. Vor der kleinen Bühne im Schatten der Feldherrnhalle war der Andrang allerdings größer.

Kabarettist Dieter Hildebrandt präsentierte Auszüge aus historischen Dokumenten, die zur Verbrennung aufriefen. "Wenn man das liest, glaubt man nicht, was man liest", sagte Hildebrandt. Das Buch des Historikers Joseph Wulf zeigt den Umfang der damaligen "Aktion wider den undeutschen Geist". Hildebrandt erklärte, er hoffe, so junge Menschen auf die damalige Zeit aufmerksam zu machen. Auch sein Kollege Bruno Jonas stand auf der Bühne. Er entschied sich für Erich Kästner, obwohl er gerne andere Autoren vorgetragen hätte, "aber man kann nicht alle lesen". Hauptsache sei, bei schönem Wetter und schöner Literatur schön viele Leute hier zu haben.

Für die Schauspielerin Sunnyi Melles haben die Texte von George Tabori eine ganz besondere Bedeutung. Tabori, mit dem die Künstlerin befreundet war, habe mit seinen Stücken Menschen verbrüdert. Der Ungar musste wegen seiner jüdisch Herkunft emigrieren. "Er hat gelitten, aber er hat nicht gehasst," sagte Melles.

Aber wie sehen Münchner solche Veranstaltungen? Einen Dialog zwischen der Nachkriegsgeneration und Kriegszeugen, so die Meinung vieler, habe es nicht gegeben. Brisantes sei totgeschwiegen und verdrängt worden. Jugendliche sagen, die Nazi-Diktatur sei für sie "weit weg", nur trockene Schulbücher erinnerten daran. Der Wert des Erinnerns, schon George Tabori schrieb über ihn: "Wir können nur das vergessen, was wir wirklich erinnert haben."

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