Graziles aus starker Männerhand

- Das Abenteuer vom "Schmied z` Kalling" am Münchner Rathaus

VON BIRGIT LANG Kalling/München - Täglich bewundern Tausende Passanten das Münchener Glockenspiel am Rathaus. Wenn ihre Augen ein paar Meter weiter nach oben schweifen, erblicken sie ein graziles Firstgitter. Es ist das Werk von drei gestandenen Mannsbildern: Josef Forstmaier aus Kalling, Erwin Ringsgwandl aus Riedering und Alfons Piechatscheck aus Prien. In 84 Metern Höhe mit einem 20 Kilo schweren Apparat am Buckel Metallteile anzuschweißen - nicht nur das war für die drei Schmiede ein Abenteuer. "Es war der bis jetzt tollste, einmaligste und größte Auftrag, den wir je hatten", schwärmt Forstmaier.

Das Original der 100 Meter feinster Schmiedearbeit ist im Zweiten Weltkrieg bei Bombenangriffen zerstört worden. Dass das verspielte Firstgitter wieder zu einer Bereicherung des neugotischen Baus wurde, dafür sorgten die drei Schmiedemeister - sie zählen zu den besten ihrer Zunft.

Über zehn Tonnen Stahl verarbeitet Über ein Jahr lang werkelten sie an dem Rathausschmuck. Sie verarbeiteten zehn Tonnen Stahl und sorgten mehr als einmal für ein Verkehrschaos an der Kallinger Kreuzung: Jedes Mal, wenn der Lastzug mit den sechs Meter langen Eisenstangen kam und diese per Stapler abgeladen wurden, konnte der Busfahrer nicht mehr aus seinem Hof raus und der Zimmerer nicht mehr in seine Werkstatt rein. Reibereien gab es deshalb nicht - in Kalling wird der Zusammenhalt groß geschrieben.

Neben dem Trio beteiligten sich noch zwei weitere Kunstschmiede an der Ausschreibung. Den Zuschlag bekam der Kallinger mit seinen Freunden, weil ihr Entwurf am besten gefiel. "Wir sind zusammen auf die Meisterschule gegangen und haben jahrelang zusammen in Kalling die Werkstatt geschmissen", erzählt Forstmaier. Die Erfahrung war nötig, denn das Team musste ordentlich anpacken.

"Das Originalgitter war wahrscheinlich aus Eisen mit Bleimennige lackiert", schätzt Forstmaier. Aber genau weiß man das nicht mehr. Es gibt nur noch einen alten Plan mit dem ursprünglichen Firstgitter, nach dem die drei ihren Entwurf fertigten.

Tagelang schnitten sie die Eisenstangen nach der 1:1-Zeichnung mit der hydraulischen Metallsäge zu. Über 2500 Einzelteile galt es im Schmiedefeuer auf 1200 Grad zu erhitzen - zur "Weißglut" zu bringen. Allein neben der Esse zu stehen, treibt einem schon den Schweiß auf die Stirn. Dann aber noch mit einem fünf Kilo schweren Hammer im immer gleich monotonen Rhythmus die Teile auf dem Amboss täglich zwölf Stunden lang zu bearbeiten, verlangt schon mehr als gute Kondition.

Wochenlang wurden in Teamarbeit mit den Gesellen Uli Mock und Anton Kaiser aus Dorfen, gestreckt, gezogen, gestaucht, gelocht und gestanzt, um die verspielten Spitzen, Blätter, Kelche, Lanzen und Schnörkel aus den Eisenrohlingen zu treiben. Bei sommerlichen Höchsttemperaturen wurde die Arbeit zur Tortur. Ringsgwandl meint nur lässig: "Wir sind es gewohnt, hart körperlich zu arbeiten."

Die 1,5 Meter hohen, verschnörkelten Lanzen fixierten die drei mit Bunden, also Eisenklammern, verzinkten und lackierten sie und wuchteten die 50 Einzelfelder auf den Hänger, um sie nach München zu karren.

Dann ging`s richtig los: Die sonst eher bodenständigen Schmiede mussten in 42 Meter Schwindel erregender Höhe auf dem Gerüst die Felder mit einer Seilwinde hochziehen und das Gitter zusammenschweißen. "Das Spannendste war die Montage von einem Schweinsschwanzerl", erzählt Piechatschek.

Ein Endschnörkel sollte nachträglich angebracht werden. Das Gerüst war aber schon lange abgebaut. Also wurden die drei mit einem Autokran über die 84 Meter hohe Turmfigur gehievt. Auf einer wackeligen, zwei Quadratmeter großen Kanzel, nur mit einem Seil, das sie mit Lassowurf an einem Gitter befestigten, mussten sie einen halben Tag lang mit einem 20 Kilo schweren Schweißapparat am Buckel das Teil anschweißen. Das einzige was zu Bruch ging, war ein Handy, das in die Tiefe stürzte. Das Abenteuer gelang. "Fast wie ein Bungee-Jump", sagt Ringsgwandl.

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