Als Hattenhofen in Flammen stand

- VON THOMAS STEINHARDT Hattenhofen - Kaum ein anderer Ort im Landkreis ist in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs so stark in Mitleidenschaft gezogen worden wie Hattenhofen. Nach einem Fliegerangriff brannte der Ortskern lichterloh, viele Häuser und Stallungen wurden zerstört, mindestens drei Menschen starben. Katharina Eberl, damals 20 Jahre alt, erinnert sich an den 29. April des Jahres 1945.<BR>

<P>Es war ein sehr kalter Tag. Das ist das erste, was Katharina Eberl, deren Familie schon damals das gleichnamige Gasthaus betrieb, zu diesem Sonntag einfällt. Es war kalt und deswegen waren nur wenige Menschen auf der Straße, als kurz nach 10 Uhr Jagdbomber über dem Ort auftauchten und ihn unbarmherzig unter Beschuss nahmen. Kurz zuvor war noch ein alter Mann mit einem Horn vom "Sauhiaten" zurückgekommen und hatte Fliegeralarm gegeben, wie Eberl erzählt. Zu spät für zwei Soldaten und einen Rentner, die auf der Straße gewesen waren. "Die lagen nach dem Angriff tot da", berichtet Eberl. Weil nur Häuser rund um den Ortskern beschossen wurden, ist sie sicher: Die Attacke auf den Ortskern verlief gezielt.<P>Bereits am Samstag hatte im Ort eine Nachricht die Runde gemacht: "Die Amis sind schon im Wald." In Hattenhofen befanden sich zu diesem Zeitpunkt viele Ausgebombte etwa aus München, berichtet Eberl, deren Bruder damals Bürgermeister war. "Ich bin gar nicht mehr richtig zum Denken gekommen, vor lauter Arbeit. Denn die mussten ja verpflegt werden."<P>Zu Gast waren in jenen Tagen auch weniger angenehme Gäste: Ein SS-Stab hatte sich in Hattenhofen einquartiert. "Die hatten sogar eine Lustdame dabei. Ich wusste damals gar nicht, was das ist", sagt Eberl. Die "SSler" hätten im Ort herumgehorcht, wie ihre Mutter zur Regierung stehe und seien insgesamt sehr herrisch aufgetreten. "Das waren Bestien", ist sich Eberl sicher, auch wenn es in Hattenhofen zu keinen Zwischenfällen kam. Zum Zeitpunkt des Fliegerangriffs waren die Hitlertreuen schon wieder aus dem Ort verschwunden - und doch waren sie der Grund dafür, warum Hattenhofen beschossen wurde, ist Eberl überzeugt. "Es waren französische Kriegsgefangene im Ort, denen es nicht schlecht ging. Aber es hieß, die hätten ein Funkgerät gehabt. Die haben die Amis benachrichtigt, dass der SS-Stab im Ort ist." Eberl: "Es war die Rede von Funkverrat." (siehe auch Kasten) Dafür spreche die Zielgenauigkeit des Angriffs, denn logischerweise seien die unliebsamen Gäste in der Gastwirtschaft oder in deren unmittelbaren Nähe vermutet worden, wo sie sich tatsächlich auch meist aufgehalten hätten. Als der Beschuss begann, seien alle in die Keller geflüchtet. Die Wirtschaft selbst blieb unversehrt, nur das Dach sei zerschossen worden - ein Geschoss sei mitten in ein Bett gegangen, in dem aber niemand lag.<P>Ein Ökonomiegebäude und das daneben liegende Haus auf dem Eberl-Grundstück aber sind den Flammen zum Opfer gefallen. "Insgesamt haben wohl 17 Anwesen gebrannt. Es ist unglaublich, wie schnell alles gebrannt hat." Während und nach dem Angriff sei der Keller auch voller Soldaten gewesen, die unbedingt Zivilkleidung haben wollten. "Aber dann hat auf einmal einer geschrieen: ,Alle raus` und sie sind in Richtung Wald gelaufen." Verbrannt sei an diesem Tag auch die Ortschronik, die ein Münchner Pensionär, der schon des längeren in Hattenhofen wohnte, verfasst hatte.<P>Nach dem Angriff seien alle Leitungen heruntergehangen, Stiere und Schweine, die man freigelassen hatte, damit sie nicht verbrennen, seien durcheinander gelaufen: Es muss ein Bild der Verwüstung gewesen sein, das sich den Amerikanern bot, als sie in den Ort einzogen. Später habe man von ihnen nur mehr wenig mitbekommen, sagt Eberl, die Amerikaner sind einfach weitergezogen. "Die Bauern haben dann angefangen, aufzuräumen. Was sollte man sonst auch machen?"<P>

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