Herberge statt Haftanstalt

- Aus dem Gefängnis Am Neudeck könnte ein Vier-Sterne-Hotel werden. Das plant zumindest der Verein der Obdachlosen-Zeitschrift "Biss". Bundesweit einzigartig an dem Konzept ist, dass im künftigen "Hotel Biss" 25 Arbeitsplätze für sozial Benachteiligte entstehen sollen.

Die Justizvollzugsanstalt München wird das Gebäude wegen Überbelegung aufgeben. Die inhaftierten Frauen und Jugendlichen werden bis 2008 in einen Neubau neben der JVA Stadelheim umziehen. Dann stellt sich die Frage, wie das mehr als 100 Jahre alte Gefängnis am Auer Mühlbach weiter genutzt wird. Es steht unter Denkmalschutz - was Investoren abschrecken könnte. Denn die Innenarchitektur mit den engen Zellen und kleinen Fenstern passt nicht zu allen Vorhaben. So scheiterte ein Plan des Bezirksausschusses, dort ein Alten- oder Pflegeheim unterzubringen.

Für "Biss"-Chefin Hildegard Denninger hingegen wäre das Gebäude "ein Traum". Seit fünf Jahren arbeitet die 57-Jährige an dem Konzept - zusammen mit ihrem Mann, dem Sozialarbeiter Johannes Denninger, und der Hotelkauffrau Karin Lohr. Das Motto "Von unten nach oben" würde für die Hotelangestellten gelten: 25 der 40 geplanten Arbeitsplätze sollen sozial Benachteiligte bekommen, zur Ausbildung und Qualifizierung für junge Erwachsene. Zudem würden 15 Fachkräfte aus der Hotellerie eingestellt.

Der Business-Plan steht, die architektonische Vorplanung auch, die Bauvoranfrage bei der Stadt läuft. Für den Start kalkuliert Denninger mit 14 Millionen Euro: Drei davon sollen über Spenden hereinkommen, der Rest über Kredite - ähnlich verfährt die Jüdische Gemeinde am Jakobsplatz. "Später kann sich das Hotel selbst tragen", so Denninger, "indem der Gewinn in den Betrieb zurückfließt."

Unsicher: ob der Freistaat das Gebäude verkauft

Ungewiss ist jedoch, ob das Gebäude überhaupt auf den freien Markt kommt. Eigentümer ist der Freistaat, und der muss es zuerst Behörden anbieten. Verhandlungen mit dem benachbarten Landratsamt, das wegen Raumnot umziehen will, laufen. Nach Informationen dieser Zeitung ist das Amt "sehr interessiert".

Wird die Immobilie ausgeschrieben, darf sie das Finanzministerium laut Sprecher Hatto Reichelt "nur zum vollen Marktwert" verkaufen. Dagegen rechnet Denninger mit einem Kaufpreis von nur 500 000 Euro - sie hofft auf politisches Wohlwollen. Ein Hotel in einem Ex-Knast gibt es zwar schon in Hameln und bald in Kaiserslautern, doch das "Biss"-Sozialkonzept wäre bundesweit einmalig.

Geplant sind 66 geräumige Zimmer, zu denen je zwei bis drei Zellen verbunden werden. Fenstergitter und Zellentüren sollen erhalten bleiben. Zimmerpreise: um die 150 Euro, dazu Bar, 24 Stunden Imbiss-Zimmerservice, Wellness-Bereich auf dem Dach. "Das Projekt hat gute Chancen", sagt Frank-Ulrich John vom Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband. Die Lage sei okay, die Preise "eher günstig", und es würden zwei Zielgruppen angesprochen: Die einen Gäste mögen das Knast-Ambiente, die anderen die soziale Idee.

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