Huldigen "Lenzen" dem falschen Brauch?

- VON FRANZ STREIBL Dorfen - Alljährlich im Fasching, wenn der Unsinnige Donnerstag kommt, kann man lesen und hören, dass die Hemadlenzen nach altem Brauch den Winter austreiben und mit der Hemadlenzenpuppe verbrennen würden. Diese Version wird sogar schon in ernsthaften Publikationen als Beleg dafür angeführt, dass das Faschingstreiben ein Teil der Bräuche sei, mit denen die Menschen den Winter austreiben wollten. Es ist allerhöchste Zeit, hier einmal mit einigen Irrtümern aufzuräumen.<BR>

<P>So wird in Dorfen immer wieder behauptet, den Begriff Hemadlenz gäbe es nur hier. Das ist sachlich nicht richtig. Der Name "Lenz", hochdeutsch Lorenz, kommt vom heiligen Laurentius, der in frühchristlicher Zeit einer der Diakone Roms war. Damit war er zuständig für die Sozialarbeit der Christengemeinden. Unter Kaiser Valerian wurde er ca. 258 n. Chr. auf einem glühenden Rost gemartert und getötet. Das Amt des Diakons war eine Vorstufe zum Priesteramt und die Amtstracht der Diakone in der frühen Kirche war ein hemdartiges Kleidungsstück, die Dalmatika. Wenn nun die Gläubigen späterer Zeiten in der Kirche ein Bild des heiligen Laurentius sahen, dann fiel ihnen die hemdartige Bekleidung, eben die Dalmatika, auf.<P>Der heilige Lenz, hatte ein Hemad an und so wurde der Begriff Hemadlenz geboren. Ein gutes Beispiel für das Hemd des Laurentius ist die Statue des heiligen Laurentius an der Nordwand im Kirchenschiff der Filialkirche in Staffing. Die Bezeichnung Hemadlenz wurde in ganz Altbayern verwandt für einen Menschen, der nur mit einem Hemd bekleidet war. Das ist bei Schmeller belegt, bei Ludwig Zehetner "Baierisches Deutsch" und sogar im Internet findet man ein Allgäuer Wörterbuch, in dem man nachlesen kann: "Hemadlenz - jemand im bloßen Hemd". Der Begriff Hemadlenz wird also auf keinen Fall nur in Dorfen gebraucht sondern in ganz Altbayern und darüber hinaus.<P>Immer schon sagte man zu einem kleinen Kind, das nicht schlafen wollte und im Nachthemd herumlief: "Geh ins Bett, du kleiner Hemadlenz!" - und das nicht nur in Dorfen. Auch das Winteraustreiben durch das Verbrennen eines mit Stroh ausgestopften Hemadlenzen ist kein alter Brauch und sollte so nicht bezeichnet werden.<P>Tatsache ist, dass bis in die Nachkriegszeit hinein, also bis in die 50er oder 60er Jahre der Hemadlenzenumzug eigentlich kein geordneter Umzug war sondern mehr ein ungeordnetes Herumlaufen der Hemadlenzen in der Stadt. In einer Internetseite über die Hemadlenzen kann man von Josef Martin Bauer eine Betrachtung über die Hemadlenzen lesen in der er ausdrücklich feststellt: "Der Zug der Hemadlenzen hat kein Ziel, keinen Zweck, keine Absicht." Es ist dort keine Rede von einem ausgestopften Hemadlenzen, einem Verbrennen des Hemadlenzen oder ähnlichen Bräuchen. Bauer betont auch, dass diese Hemadlenzen nicht zahlreich waren und nur Männer mitmachten.<P>"Angst vor Aussterben des Hemadlenzenbrauches" <P>Das beweisen auch Zeitungsberichte aus den 20er Jahren die von kleinen Gruppen von Hemadlenzen sprechen. Hier ein Auszug aus der Dorfener Zeitung vom 17. Februar 1928: "Um 9 Uhr war Tagreveille" (eine Art von Weckruf durch eine Musikkapelle). Die Musik zog durch den Markt, hinterdrein eine kleine Gesellschaft von Hemadlenzen. Selbstverständlich waren diese Hemadlenzen mittags alle wieder zu Hause, man musste ja gleich nach dem Mittagessen mithelfen beim Faschingsumzug." Erst später erkannten die Dorfener, dass der Hemadlenzenbrauch einmalig in ganz Deutschland ist und man nahm sich mehr um den Brauch an, aber immer noch ohne Verbrennung einer Hemadlenzenpuppe und mit einem pünktlichen Ende des Treibens gegen Mittag.<P>Aber woher kam dann die Hemadlenzenpuppe? Nun, in der Nachkriegszeit hatte die Karnevalsgesellschaft Dorfen einen sehr rührigen Präsidenten, Rektor Franz Anneser. Der hatte Angst, der Hemadlenzenbrauch könne aussterben, und er wollte in das Treiben der Hemadlenzen eine gewisse Ordnung hineinbringen. Darum wurde ein Beginn des Zuges festgelegt, der Zugweg organisiert und als krönender Abschluss kam die Verbrennung der Hemadlenzenpuppe. Schon bald wurde diese Verbrennung als ein Symbol für die Winteraustreibung gedeutet. Aber um es nochmals festzuhalten: Früher gab es kein Verbrennen einer Puppe und an das Winteraustreiben dachte auch niemand. Das ist also kein Alter Brauch sondern eine Erfindung neuerer Zeit!<P>Früher waren nur einige Männer unterwegs und zur Mittagszeit war alles vorbei. Das Ende des Hemadlenzentreibens zur Mittagszeit wurde sogar noch beibehalten, als man schon eine Puppe verbrannte und bereits Frauen dabei waren. Damals schämte sich ein Hemadlenz, wenn er am Nachmittag noch unterwegs war.<P>Es gilt, eine andere Erklärung für den Hemadlenzenbrauch zu finden. Dazu muss man wissen, dass früher der katholischen Geistlichkeit das Faschingstreiben immer schon suspekt war und damit die Narren nicht zu sehr über die Stränge schlugen, wurde speziell in Dorfen für die letzten Tage des Faschings das 40-stündige Gebet angeordnet, während dem alle Lustbarkeit verboten war. Die Dorfener ließen sich aber nicht beirren und feierten den Höhepunkt des Faschings halt schon an den Werktagen vor den eigentlichen Faschingstagen (Unsinniger Donnerstag, Rußiger Freitag, Schmalziger Samstag). In Dorfen war der wichtigste Tag der Unsinnige Donnerstag. Da fand am Nachmittag ein Faschingsumzug statt. So veranstaltete man Umzüge, Faschingsrennen, Zirkusvorführungen, Zigeunerlager und andere Attraktionen. Für die Geschäfte und Handwerker in Dorfen war der Tag sehr wichtig, denn die Menschen kamen von weit her um die Dorfener Narren zu sehen und sie kauften in Dorfen kräftig ein. Der Unsinnige Donnerstag brachte Umsätze wie am Gallimarkt oder an den Samstagen vor Weihnachten.<P>Welch ein Gegensatz zu heute, wo alle Geschäfte aus Angst vor dem Vandalismus der Hemadlenzen schließen müssen und die ganze Innenstadt zu einem Saustall verkommt in dem sich hauptsächlich auswärtige Hemadlenzen hemmungslos austoben! Wie früher bei jedem größeren Fest üblich, wurde auch der Unsinnige Donnerstag am Morgen mit einem Weckruf eröffnet. Damals gebrauchte man dafür noch den Ausdruck Tagreveille. Immer zog eine kleine Gruppe von Hemadlenzen hinter der Musik her. 1930 ist ausdrücklich in der Dorfener Zeitung zu lesen: "Der Beginn der offiziellen Gaudi war der Aufmarsch der Hemadlenzen. Die ganze Kapelle des Musikvereins zog in dieser Kleidung auf, die nach altem Dorfener Herkommen als die offizielle Tracht zur Tagreveille gilt." Könnte es da nicht so gewesen sein, dass man in noch früherer Zeit ebenfalls den Unsinnigen Donnerstag mit einer solchen Tagreveille eröffnete und einige Faschingbegeisterte sich nicht mehr Zeit zum Anziehen nahmen und statt dessen aus dem Bett heraus gleich im Nachthemd, als Hemadlenzen, hinter der Musik her liefen. Man lachte dann über diese lustigen Gestalten, gab ihnen Brezen, Würstl und Schnaps. Bei den schlechten Zeiten früher war so etwas sehr willkommen, denn die einfachen Leute und besonders die jungen Burschen hatten damals immer Hunger! Darum könnten sie auch im nächsten Jahr wieder so hinter der Musik hergelaufen sein, wurden wieder gut verpflegt und es bildete sich im Lauf der Jahre der Brauch der Hemadlenzen heraus. Das ist natürlich eine Hypothese und nicht beweisbar. Sicher ist aber, dass die Hemadlenzen nicht mit einer brennenden Strohpuppe den Winter austrieben und sicher ist auch, dass der Begriff Hemadlenz weit über Dorfen hinaus bekannt ist. Darum meine Bitte: Gehen wir auf jeden Fall vorsichtig mit dem Begriff Alter Brauch um, denn sonst wird auch noch die alemannische Guggamusi der Faschingsdeife in einigen Jahren zum Alten Dorfener Brauch erklärt!<P>

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