KZ-Häftlinge aus Dachau zur Zwangsarbeit in Steinhöring

- VON MICHAEL SEEHOLZER Steinhöring - Mit dem heutigen, 9. November jährt sich der Beginn eines dunklen Kapitels deutscher Geschichte, den der Volksmund später in unverständlicher Überhöhung "Reichskristallnacht" taufen sollte. Ein unangemessener Ausdruck dafür, dass bei diesem Ereignis die Menschlichkeit in Scherben ging. Einen Tag später wurde in angeblicher Reaktion auf ein Attentat eines 17-Jährigen auf den Legationsrat der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, etwa 10 000 Juden ins Konzentrations-Lager nach Dachau abtransportiert. Dachau hatte 170 Außenlager. Zwei davon waren im Landkreis Ebersberg.<BR>

<P>In Steinhöring mussten Dachauer Lagerinsassen Zwangsarbeit für den Lebensborn in Steinhöring leisten. Aus einem Dokument geht hervor, dass drei Bürobaracken "in eigener Regie mit eigenen Arbeitskräften" errichtet werden sollten. Gemeint waren damit KZ-Häftlinge. Das Dokument trägt das Datum 6. Januar 1944. Im September desselben Jahres wurden dem Lebensborn drei Handwerker zugeteilt: Ein Elektriker, ein Schneider und ein Maurer. In Steinhöring verrichteten unter anderem politische Häftlinge verschiedener Nationen Zwangsarbeit. Nachgewiesen werden konnten ein Schuster, zwei Schneider und ein Koch aus Polen, außerdem ein Schweißer, ein Koch und ein Bäcker aus Frankreich. Die Franzosen waren zum Teil als Widerstandskämpfer verhaftet worden. Sie mussten unter anderem am Steinhöringer Bahnhof Waren ausladen, die mit dem Zug ankamen. Das Außenkommando Lebensborn Steinhöring war im April 1945 mit 27 männlichen Häftlingen besetzt, wie aus einer Personalaufstellung in Dachau hervorgeht. Die Männer wurden Ende April 1945 nach Dachau zurückverlegt.<P>Auch in Markt Schwaben wurde eine Außenstelle des KZ Dachau errichtet. Dazu bediente sich die SS-Adjudantur eines über 2000 Quadratmeter großen Geländes in der Nähe des Bahnhofs. Dort standen bereits zwei Holzbaracken, in denen Kriegsgefangene untergebracht waren. Bewachtt von vier SS-Leuten arbeiteten hier bis zu 19 Häftlinge. Für gewöhnlich wurden sie am Morgen gebracht und am Abend wieder abgeholt. Manchmal blieben sie auch über Nacht.<P>Das Gelände war durch einen zweireihigen Stacheldrahtzaun gesichert, der zur Bahn hin ein Tor hatte. Nach Aussagen von Betroffenen und Augenzeugenberichten kam es in Markt Schwaben nicht zu Misshandlungen der Gefangenen. Die Bevölkerung konnte das Areal einsehen.<P><P>Im Beck-Verlag München ist soeben der 2. Band in der Reihe "Der Ort des Terrors" erschienen. Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.), Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, 59,90 Euro.<P><P><P>

Auch interessant

Kommentare