Der Tod lauerte auf dem Heimweg

- Mord an Farchanter Schwestern-Schülerin nach 29 Jahren noch immer ungeklärt - Polizei hofft auf neue Hinweise

VON TANJA BRINKMANN Garmisch-Partenkirchen - Bester Laune schlüpft sie in ihren Mantel, verabschiedet sich von ihrer Familie und läuft von der Föhrenheide zum Maibaum. Mit dem Bus will die 17-Jährige von Farchant nach Garmisch-Partenkirchen fahren. Nach einem ereignisreichen Tag in München, wo sie sich als Schwestern-Schülerin im Schwabinger Krankenhaus vorstellte und außerdem Bücher kaufte, möchte Gundula Steinbauer ausgehen, Freunde treffen und tanzen. Bis 24 Uhr dürfe sie fortbleiben, haben ihr die Eltern beim Abendessen erlaubt. Dass die vier Steinbauers nach diesem 9. Januar 1975 nie wieder gemeinsam am Tisch sitzen werden, ahnt beim Aufbruch der hübschen, jungen Frau niemand. Einen Tag später wird es zur schrecklichen Gewissheit: Von ihrem Ausflug in die Marktgemeinde kehrt sie nicht zurück. Mittags gibt ihre Mutter bei der Polizei eine Vermisstenanzeige auf, nur wenige Stunden später entdeckt ein Spaziergänger ihren leblosen Körper im Lauterbach bei Oberau.

Bewusstlos in den

Lauterbach geworfen

"Die Obduktion hat ergeben, dass sie gewürgt wurde", sagt Kripo-Chef Bernhard Hoffmann. "Offensichtlich hat der Täter sie dann im bewusstlosen Zustand ins Wasser geworfen, wo sie ertrunken ist." Anhaltspunkte auf ein Sexualdelikt hätten die Rechtsmediziner nicht entdeckt. Auch sonst fanden die Experten wenig Spuren an der Leiche, die einen Hinweis auf den Mörder geben konnten. Und sämtliche Zeugenangaben - "insgesamt wurden rund 300 Personen und außerdem über 300 Fahrzeuge überprüft" - endeten im Nichts. Die Hoffnung, diesen rätselhaften Fall doch aufzuklären, hegen die Garmisch-Partenkirchner Ermittler allerdings noch immer.

"Möglicherweise ist im Nachhinein jemandem einer der vermissten Gegenstände aufgefallen", meint Hoffmann. Nie mehr aufgetaucht sind der beige Fohlenimitat-Mantel mit bräunlichem Pelzkragen und sechs stoffbezogenen Knöpfen mit Metallrand, die braune Leder-Handtasche, auf der ein Aufkleber der Musikband "Big Bees" war, eine silberne Halskette mit drei Schutzengel-Anhängern, goldene Ohrstecker mit Kugeln von etwa fünf Millimetern Durchmesser und der zwei Meter lange, orange-farbene, selbstgebatikte Seidenschal mit einem zarten weiß-rosa Kreismuster. Aber auch wenn der verschwundene Besitz des Mädchens im Verborgenen bleibt, setzen die Beamten darauf, "dass jemand, der etwas weiß, nach so vielen Jahren sein Schweigen bricht." Das Wissen um die Tat und um seine Schuld trage der Mörder seit langem mit sich herum, erklärt der Kripo-Chef. "Es handelt sich wohl um kein geplantes, sondern eher ein zufälliges Verbrechen und der Täter hat sich eventuell jemandem offenbart."

DNA-Analyse

"vorerst negativ"

Bisherige Versuche, dem Unbekannten auf die Schliche zu kommen, scheiterten. Auch die DNA-Analyse 1999, bei der Blut, Sekrete und Fingernägel des Opfers aus der Asservaten-Kammer geholt und auf Fremdspuren untersucht wurden, "war vorerst negativ." Trotzdem stellte die Polizei die Ermittlungen nie ein: "Mord verjährt nicht."

Gegen 23 Uhr verließ Gundula Steinbauer am 9. Januar 1975 das Tanz-Lokal "Schwarze Gams" am Marienplatz. "Von dort verliert sich ihre Spur", bedauert Bernhard Hoffmann. Zuvor war sie im "Rosenstüberl 3" an der Krottenkopfstraße gewesen. Ihre Freunde erinnerten sich später, dass die junge Frau an diesem Abend nicht so fröhlich war, wie sonst. Vergeblich versuchte die Farchanterin in der "Gams" einen Bekannten zu finden, der sie die wenigen Kilometer nach Hause fahren konnte. Also machte sie sich, wie bereits einige Male zuvor, per Autostopp auf den Heimweg. "Zwischen 23 und 23.10 Uhr haben drei Personen unabhängig voneinander am Marienplatz ein Mädchen als Anhalterin beobachtet", berichtet der Kripo-Chef. Ein anderer habe gesehen, dass eine junge Frau an der Klamm- Ecke Bahnhofstraße in einen hellen BMW mit auffallenden, dunklen Seitenstreifen und einem dunklen Dreieck auf der Kühlerhaube gestiegen sei. Ob einer der Zeugen tatsächlich Gundula Steinbauer sah - man weiß es nicht.

Um 23 Uhr verließ die 17-Jährige die "Schwarze Gams", nach Auskunft der Rechtsmediziner starb sie gegen Mitternacht. Was während dieser einen Stunde passierte - unklar. Die Stelle, an der ihre Leiche entdeckt wurde, nutzten Liebespaare häufig zum ungestörten Stelldichein. Eine "heiße Spur" schienen die Aufzeichnungen einer aufmerksamen Anwohnerin, die bereits seit längerem Kennzeichen aller Fahrzeuge notiert hatte, die zu dem Treffpunkt am Lauterbach, etwa 150 Meter hinter der Brücke nahe dem Oberauer Golfplatz, fuhren. Beobachtungs-Posten

nicht besetzt

"Für alle Fälle, falls mal etwas ist", verdeutlicht Hoffmann die Motive der Oberauerin. Ausgerechnet an dem fraglichen Abend fühlte sich die Frau schlecht und war daher nicht auf ihrem üblichen Beobachtungs-Posten . . .

Die Hinweise, die im November 1975 nach der Ausstrahlung der Sendung "Aktenzeichen XY" bei der Polizei eingingen, brachten ebenfalls keine Klärung. Zwar wurde ein 45-Jähriger aus dem Landkreis, der zum Zeitpunkt des Mordes mit seinem Pkw zum Golfplatz gefahren sein soll, verhaftet, sein Alibi war jedoch offensichtlich hieb- und stichfest. Nach wenigen Tagen wurde der Verdächtige wieder freigelassen. Dass der Mörder aus dem Einzugsbereich Garmisch-Partenkirchen kommt, davon ist Bernhard Hoffmann überzeugt. Die Stelle, wo er das Mädchen abgelegt habe, "lässt darauf schließen, dass er ortskundig war." Aufgrund von Verletzungen an ihrem Körper folgerten die Gerichtsmediziner zudem, dass sich Gundula Steinbauer nach Leibeskräften gewehrt haben muss. Vergeblich.

Noch immer wissen Polizei und Angehörige der lebensfrohen Schwestern-Schülerin nicht, was in der letzten Stunde ihres Lebens geschah. Die Hoffnung bleibt, dass sich das schon bald ändert.

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