Mit Leben erfülltes Denkmal für Herzog Luitpold

- Freundeskreis Kloster Andechs besichtigt Schloss Ringberg über dem Tegernsee

VON DORIS HILTL Possenhofen/Tegernsee - Als vielteilige, mauerumgebene Schlossanlage mit Stilelementen vom Mittelalter bis zum Klassizismus, errichtet in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so präsentiert sich dem staunenden Besucher Schloss Ringberg bei Kreuth. Der Freundeskreis Kloster Andechs besuchte das malerisch über dem Tegernsee gelegene Schloss mit den unvergleichlichen Fernsichten, ein Lebenswerk von Herzog Luitpold, dem letzten direkten Nachkommen der Wittelsbacher Nebenlinie "in Bayern". Seit 1973 gehört das Schloss der Max-Planck-Gesellschaft.

Die besonderen Beziehungen des Hauses Wittelsbach zum Kloster Andechs mögen dazu beigetragen haben, dass die Nachmittagsexkursion des Freundeskreises mit etwa 80 Teilnehmern einen ungeahnten Zulauf hatte. Hinzu kommt, dass das Schloss nur äußerst selten besichtigt werden kann, da die Tagungsstätte der Max Planck Gesellschaft ständig ausgebucht ist. Der Vermittlung des Mitglieds Prof. Otto Meitinger verdankt der Freundeskreis die herzliche Aufnahme und umfassende Informationen über den Schlossherrn und die Baugeschichte des Schlosses.

Herzog Luitpold hatte enge Beziehungen zum Fünfseenland: Luitpolds Großvater Herzog Max in Bayern gehörte seit 1834 das Schloss Possenhofen. Luitpolds Vater Max Emanuel starb 1893 unerwartet im Feldafinger Hotel Strauch, seine Mutter ein Jahr später in München. Im Alter von nur vier Jahren war der am 30. Juni 1890 in München geborene Herzogsohn Vollwaise. Die meiste Zeit seiner Jugend verbrachten Luitpold und seine beiden älteren Brüder in München, Possenhofen und Tegernsee bei der Familie ihres Onkels, des Augenarztes Herzog Karl Theodor in Bayern. Während der seinerzeitigen Sommeraufenthalte in Possenhofen ahnte Luitpold nicht, dass ihm 1936 nach Auflösung des Fideikomiss Schloss Possenhofen als Erbe zufallen würde. Doch da hatte längst der Wittelsbacher Baubazillus von ihm Besitz ergriffen.

Jahre vor dem Ersten Weltkrieg entdeckte der junge Herzog bei einem Jagdausflug mit seinem Vetter Ludwig Wilhelm den idyllischen Platz auf dem Ringberg. Anno 1911, mit nur 21 Jahren, fasste der Student für Philosophie und Kunstgeschichte den Entschluss, anstelle der Jagdhütte auf dem Ringberg ein Schloss zu erbauen. Als Architekt konnte er seinen früheren Lehrer, den Maler Friedrich Attenhuber, gewinnen, der fortan ausschließlich für ihn tätig war. Attenhuber unternahm mit dem Herzog kunsthistorische Reisen, deren Eindrücke in Ringberg-Details Niederschlag fanden, zunächst eine Vierseit-Anlage um einen Innenhof nach Art Südtiroler Ansitze. In über sechzig Jahren entstanden zu dem Hauptbau - teilweise nur im Rohbau - Türme, Wehrgang, Terrassen, Brunnenanlagen, Arkadenumgänge, Kapelle.

Neben der architektonischen Gestaltung verwirklicht Attenhuber die innenarchitektonischen und kunstgewerblichen Vorstellungen seines Auftraggebers: Möbel, Kachelöfen, Gebrauchsgegenstände bis zum Aschenbecher, Zimmerdekors, Plastiken, Gobelins, Gemälde - alles von einer Hand entworfen, für den Herzog und sein Schloss ein Glücksfall.

Herzog Luitpold promoviert 1922 bei Heinrich Wölfflin mit einer Doktorarbeit über fränkische Bildwirkerei im Spätmittelalter. Das erklärt seine Vorliebe für Gobelins - das Ringbergschloss ist mit 14 von Attenhuber entworfenen Bildteppichen ausgestattet. Besonders eindrucksvoll die detailreichen, farbenfrohen Bildteppiche des Hexenzimmers. Viel Geld war vonnöten, um die herzoglichen Ideen in die Tat umzusetzen, der Ringberg-Bauherr verwendete sein Privatvermögen, verkaufte das Neue Schloss Biederstein, Schloss Possenhofen mit dem großen Schlosspark und nach dem Zweiten Weltkrieg ausgedehnte Possenhofener Waldungen mit dem Kalvarienberg.

Schloss Ringberg - so Professor Meitinger vor dem Schlossrundgang - spiegelt die Kunstströmungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wider, ist ein kulturhistorisches Zeitdokument. Burgenromantik, Heimatstil fanden hier ihren Niederschlag, in den Einrichtungsgegenständen auch Jugendstil. Zwei Schaffensperioden sind die Bilder Attenhubers zuzuordnen: Lebhaft erinnern die frühen Gemälde an die farbenfrohen ganzseitigen Bilder in der Zeitschrift "Jugend", während die späten, in den dreißiger und vierziger Jahren entstandenen Gemälde die Blut- und Bodenromantik der damaligen Zeit zitieren.

Was bezweckte Herzog Luitpold mit dem Bau auf dem Ringberg? Wollte er ein Stammschloss für das Wittelsbacher Haus in Bayern errichten? Luitpold war nicht verheiratet, sein Vetter Ludwig Wilhelm, Chef der Herzöge in Bayern, hatte keine Kinder. Sah Luitpold in dem Bau einfach nur eine Lebensaufgabe? Nach Ansicht der Denkmalpflegerin Helga Himen ist Schloss Ringberg "der letzte Versuch, sich neben der unvergleichlich reicheren Bautradition der Wittelsbacher Hauptlinie ein Denkmal zu setzen". Der Herzog hat das Schloss nie als Wohnsitz genutzt, ließ sich nach dem Krieg fast täglich von München, zuletzt von Kreuth aus, auf den Ringberg fahren.

Stätte der Begegnung

Ein Heimatdichter im Tegernseer Tal nannte das Ringbergschloss in der Herzogzeit ein "steinernes Labyrinth des Schweigens". Das ist heute anders, das Schloss ist voller Leben, eine Stätte der Begegnung. Seit 1983 empfangen Axel Hörmann und sein Serviceteam allwöchentlich Wissenschaftler aus aller Welt, die die Abgeschiedenheit und das schöpferische Ambiente zu Seminaren, Symposien, Workshops und regem Gedankenaustausch nutzen. Noch zu Lebzeiten hatte der Herzog in einem Erbvertrag das Schloss und ein beträchtliches Barvermögen für den Bauunterhalt der Max Planck Gesellschaft (MPG) vermacht. Nach dem Tode des Herzogs - er starb am 16. Januar 1973, seine Urne ist nahe der Ringbergkapelle bestattet - verwirklichte die MPG mit Hilfe von Sponsorengeldern den restlichen Ausbau des Schlosses mit 40 Gästebetten.

"Man schützt nur was man schätzt." Meitinger und Hörmann hinterließen den Eindruck, dass die Max Planck Gesellschaft Schloss Ringberg schätzt und das Erbe des letzten Herzogs von Possenhofen nach Kräften schützt.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Seit Heim-WM ständiger Begleiter - DFB-Umbruch fordert beliebtes Opfer
Nationalmannschaft: Oliver Pochers Stadion-Hymne „Schwarz und Weiß“ ist nach zwölf Jahren nicht mehr das DFB-Lied. Im neuen National-Elf-Song geht es um die Liebe.
Seit Heim-WM ständiger Begleiter - DFB-Umbruch fordert beliebtes Opfer

Kommentare