Macht Mobilfunk Oberammergau krank?

- Oberammergau - ­ Seit zwei Monaten werden zahlreiche Bürger des idyllischen Passionsspielorts Oberammergau (Kreis Garmisch-Partenkirchen) von Herzrasen, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen und Unruhe geplagt. Selbst der evangelische Pfarrer Carsten Häublein ist betroffen ­ und Schuld soll eine Aufrüstung der Mobilfunkanlagen in und um den Ort sein. Mehrere Bürger haben mittlerweile Strafanzeige wegen Körperverletzung gestellt.

Seit 14 Jahren wohnt Häublein im Pfarrhaus hinter der Kirche, doch als er im September aus dem Urlaub kam, konnte der stets pumperlgesunde Mann kaum mehr schlafen, hatte Herzrasen und war unruhig. "Das geht an die Existenz", klagt er. Erst als ihm Werner Funk einen abgelegenen Geheimplatz in einem Funkloch vermittelte, kam der Pfarrer wieder zur Ruhe.

Funk, Diplom-Ingenieur für Nachrichten- und Hochfrequenztechnik, hatte gleich den Mobilfunk im Verdacht, konnte bei seinen Testmessungen zunächst aber keine Veränderungen feststellen. Erst mit einem besonderen Gerät stellte er eine zusätzliche Modulationsfrequenz von rund zehn Hertz fest und fand heraus, dass T-Mobile bis Ende August seine Anlagen im Ammertal mit dem sogenannten GPRS-EDGE aufgerüstet hat. "Das lässt sich kaum abschirmen und ist noch im letzten Kellerwinkel nachweisbar", sagt Funk ­ gut für Handy-Telefonierer, aber unerträglich für elektrosensible Menschen.

Von denen scheint es in Oberammergau, wo sich erst vor einem Jahr alle 17 Ärzte des Ortes in einem Appell gegen einen Mobilfunk-Ausbau ausgesprochen haben, viele zu geben. Denn die Nachrichten von betroffenen Bürgern häuften sich bei Funk und seinen Mitstreitern der Initiative "Strahlenfreies Ammergau". Zusammen mit der Bamberger Medizinerin und Mobilfunk-Expertin Dr. Cornelia Waldmann-Selsam machte er sich auf Hausbesuche.

Waldmann-Selsam, die bei Bürgerbefragungen in Icking (Kreis Bad Tölz-Wolf\-atshausen) wegen versehentlich veröffentlichter Patientendaten in die Schlagzeilen geraten war, nahm vergangene Woche an einer Tagung in Murnau teil und bekam dort die Probleme mit. Sieben Erwachsene und ein Kund wurden befragt.

So ein Ehepaar, das in 25 Meter Entferung zu einem Sendemasten am Kleinen Theater lebt und durch intensive Abschirm-Maßnahmen gegen Mobilfunk ihre Schlafstörungen und Kopfschmerzen los wurden. Doch seit Ende August traten die Probleme wieder auf. "Die Messwerte liegen zwar weit unterhalb der gültigen Grenzwerte, aber weit über den Werten, bei denen Ärzte und Arbeitgeber schwere Gesundheitsschäden beobachtet haben", so Waldmann-Selsam. "Außerdem wurden die Auswirkungen des neuen GPRS-EDGE-Systems auf den Menschen nicht überprüft, es können also keine gültigen Grenzwerte vorliegen."

Die Initiative, darunter mehrere Ärzte, haben das Umweltministerium von den Vorfällen unterrichtet, auch das Gesundheitsamt des Landkreises wurde unterrichtet. "Die neue Technik ist ein Riesenproblem", sagt Funk. "Wir erwarten, dass uns der Bürgermeister schützt und seiner Fürsorgepflicht nachkommt."

Bürgermeister will notfalls den Strom abdrehen

Das will Gemeindeoberhaupt Rolf Zigon, der die Beschwerden "sehr ernst" nimmt, tun: "Wir haben schon Verbindung zur Telekom aufgenommen, damit jemand kommt und uns erklärt, was an den Mobilfunkmasten geschehen ist und wie das rückgängig gemacht werden kann." Denn man könne sich nicht immer hinter Grenzwerten verstecken und sagen, die Leute bilden sich das alles ein.

"Es gibt viele, die haben Probleme bekommen ohne dass sie von der Anlagen-Aufrüstung wussten", betont Zigon. Man wolle die Situation nicht eskalieren lassen, aber er habe sich schon rechtskundig machen lassen. "Denn notfalls drehen wir dem Mobilfunkmast am Kleinen Theater, einem Gemeindegebäude, den Strom ab. Da geht‘s richtig zur Sache."

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