Festnahme im Mordfall Peggy

Festnahme im Mordfall Peggy

"Mangel an nationalsozialistischer Weltanschauung"

- VON REINHARD SCHMID UND FRIEDRICH DENK In den letzten Apriltagen des Jahres 1945, wenige Tage vor der Befreiung Deutschlands von der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten - die Reichshauptstadt Berlin lag schon im Feuer der sowjetischen Artillerie und mit ihr auch das Gefängnis in der Lehrter Straße im Stadtteil Moabit -, wurde ein Teil der dort aus politischen Gründen festgehaltenen Häftlinge entlassen, unter ihnen auch der auf dem Hartschimmelhof bei Pähl beheimatete Heinz Haushofer. Sein Bruder Albrecht und 15 Mithäftlinge wurden dagegen am späten Abend des 22. April von einem SS-Kommando abgeholt, auf das vom Gefängnis nur wenige hundert Meter entfernte Ruinengelände des ULAP-Ausstellungsparkes getrieben und in den frühen Morgenstunden des 23. April erschossen.<BR>

<P>Albrecht Haushofer, am 7. Januar 1903 in München geboren, stammte aus einer altbayerischen Bauern-, Gelehrten- und Künstlerfamilie: der Ururgroßvater war Lehrer, der Urgroßvater Landschaftsmaler, der Großvater Wissenschaftler, Politiker und Schriftsteller, der Vater Karl Haushofer General, Professor für Geographie und Gründer der "deutschen Geopolitik", die von den Nationalsozialisten für ihre Expansionspläne missbraucht worden ist (Karl Haushofer hat sich im März 1946 mit seiner halbjüdischen Frau das Leben genommen).<P>Nach dem Abitur 1920 studierte Albrecht Haushofer Geschichte und Geographie und promovierte schließlich 1924 bei Professor Drygalski. 1925 ging er nach Berlin und wurde dort mit der Herausgabe der Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde beauftragt (1928-1939) und zum Generalsekretär der Gesellschaft berufen (1929-1940). Ende 1933 wurde er an der Hochschule für Politik Dozent für politische Geographie, obwohl er selbst einen "Mangel an nationalsozialistischer Weltanschauung" bei sich und den "Zwang zu einer ganzen Reihe von Kompromissen in Gesinnungsfragen" voraussah (Brief vom 22. Juni 1933). Im vollen Bewußtsein der Lage ("der einzige Trost ist ein sehr negativer - nämlich die Überzeugung, dass wir einer so großen allgemeinen Katastrophe entgegengehen, dass es auf die persönliche bald nicht mehr ankommen wird"; Brief vom 3. März 1933) wurde er außenpolitischer Berater von Rudolf Heß, dem Stellvertreter des Führers Adolf Hitler (Heß hatte bei Haushofers Vater studiert). Ab 1934 war er Mitarbeiter im Büro des späteren Außenministers Ribbentrop.<P>Bei zahlreichen Reisen in Europa und Asien knüpfte er Kontakte zu höchsten Stellen und versuchte, die deutsche Außenpolitik im Sinn der Friedenserhaltung zu beeinflussen. Gleichzeitig schrieb er seine "Römerdramen" Scipio (1934), Sulla (1938) und Augustus (1939), in denen er sich literarisch mit den Themen Macht, Gewalt und Willkür auseinandersetzte. Nach dem Englandflug von Rudolf Heß im Mai 1941 wurde er für zwei Monate inhaftiert. Schon vorher stand er in Verbindung zum deutschen Widerstand, unter anderem zu Johannes Popitz (hingerichtet am 2. Februar 1945) und Ulrich von Hassell (hingerichtet am 8. September 1944). <P>Nach dem 20. Juli 1944 wurden sein Vater und sein Bruder Heinz (1907-1988) verhaftet. Er selbst flüchtete von Berlin auf Umwegen auf den Bauernhof der Familie Zahler bei Garmisch-Partenkirchen, wo er am 7. Dezember entdeckt und ins Gefängnis nach Berlin-Moabit gebracht wurde. Dort schrieb er - nachdem er sich von den Handfesseln zu befreien wusste - ein unvollendet gebliebenes Thomas-Morus-Drama und 80 Sonette, deren Manuskript, verborgen in der Mantelinnentasche, er umklammert hielt, als ihn sein Bruder Heinz, am 12. Mai 1945, aufgrund des Hinweises eines Mithäftlings, der das Massaker überlebt hatte, auffand.<P>Auf einem provisorischen Begräbnisplatz wurde Albrecht Haushofer bestattet und später in ein Ehrengrab auf dem Friedhof an der Wilsnacker Straße in Berlin umgebettet. Albrecht Haushofers drei Römerdramen, in kleiner Auflage gedruckt und nur zwei von ihnen je einmal aufgeführt, die heute Belege für seinen auch mit literarischen Mitteln geführten Kampf gegen die Nationalsozialisten sind, haben ihm als Dichter im Dritten Reich natürlich keinen Ruhm verschafft.<P>Berühmt gemacht haben ihn aber die seit dem Krieg in vielen Auflagen erschienenen 80 Moabiter Sonette. Diese Sonette gehören zu den bedeutendsten literarischen Dokumenten des deutschen Widerstands, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie Albrecht Haushofers tragische Summe einer unablässigen, zwölf Jahre währenden Auseinandersetzung mit dem Unrechtsregime der Nationalsozialisten sind.<P><P><P>Bildnachweis: <P>"Lech-Isar-Land", 1995<P>Die Gedichte sind entnommen aus:<P>"Moabiter Sonette",<P>Albrecht Haushofer,<P>Ebenhausen: Verlag Langewiesche-Brandt, 1999. <P>

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