Missbrauchsopfer von Kirche erst nach Monaten angehört

- Familien betroffener Kinder fühlen sich in Gemeinden gedemütigt

VON MAX FREISLEDER Weiden/Georgenberg - Das kürzlich am Landgericht Weiden eröffnete Verfahren gegen den in rund 40 Fällen wegen sexuellen Missbrauchs angeklagten katholischen Pfarrer Franz K. wurde bis zur Vorlage eines psychiatrischen Täter-Gutachtens unterbrochen (wir berichteten). Der Fall Franz K. mit seiner mehr als zehnjährigen Chronologie zeigt exemplarisch die Vernachlässigung des Opferschutzes durch die Kirche. Zudem wurde jetzt bekannt, dass der Pfarrer auch Geld aus der Kirchenkasse veruntreut haben soll (Siehe Kasten links unten).

Im Herbst verabschiedete bischöfliche Leitlinien räumen dem Schutz der Opfer oberste Priorität ein. "Trotzdem hat die Kirche bis vor kurzem mit keiner der betroffenen Familien Kontakt aufgenommen", kritisiert Johannes Heibel von der "Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen e.V.".

Heibel hatte sich am 15. Januar mit einem Schreiben an den Regensburger Bischof Gerhard-Ludwig Müller gewandt. Darin schildert er die Lage betroffener Familien aus dem oberpfälzischen Georgenberg, wo K. seit 1993 als Pfarrer eingesetzt war. "Die betroffenen Familien teilten mit", schreibt Heibel, "dass die Gemeinden aufgrund der Vorkommnisse sehr gespalten seien." Die Familien würden nicht ernst genommen, "teilweise sogar gedemütigt". Heibel fragt, ob es nicht Aufgabe der Kirche sei, sich vor die Familien zu stellen.

Stadtpfarrer verschwieg Vorwürfe

Am 27. Januar antwortet das Ordinariat, man könne sich zum Fall K. bei laufendem Verfahren nicht äußern. In Sachen Opferschutz wird auf eine Stellungnahme im Regensburger Bistumsblatt vom August 2002 verwiesen. Dort wurde noch vor Verabschiedung der Leitlinien ein Vorgehen in deren Sinn angekündigt.

Auch Gabriele P., früheres Mitglied im Elternbeirat der Nittenauer Grundschule, kritisiert das kirchliche Verhalten. "Ich war empört, als der Nittenauer Stadtpfarrer Schiedermaier Ende vergangenen Jahres vor der Presse erklärte, er wisse nichts von Missbrauchsfällen." Laut Heibel wurde Schiedermaier 1992 mit Vorwürfen gegenüber K. konfrontiert. Die Eltern hätten von einer Anzeige abgesehen, weil Schiedermaier versprochen habe, K. werde nie mehr etwas mit Kindern zu tun haben.

Im September des selben Jahres habe K. eine Pfarrstelle in Landshut angetreten. Nachdem dort wiederum massive Vorwürfe von Elternseite laut geworden seien, habe man einen "runden Tisch" mit dem Landshuter Pfarrer Högner, Domdekan Franz Xaver Hirsch, Eltern und Schulleitung einberufen. Högner habe die Vorfälle zuvor in Regensburg gemeldet. Das Ergebnis: K. wird im September 1993 Pfarradministrator in Georgenberg. Zwei Jahre später, nachdem K. die Pfarrstelle fest bekommen habe, gibt es laut Heibel auch dort erste Vorwürfe.

Ordinariatssprecher Gregor Tautz erklärte, Domdekan Hirsch und ein Jugendpsychologe hätten jetzt das Gespräch mit den Nittenauer und Georgenberger Opfern gesucht (Siehe Kasten rechts). "Wir haben gewartet, bis gerichtlich geklärt war, wer Opfer ist", begründet er die lange Reaktionszeit.

Laut dem mit dem Verfahren betrauten Weidener Staatsanwalt Lutz Höbold wurde zwar in einigen der angezeigten Fälle das Verfahren eingestellt. Trotzdem würden diese Verstöße im Strafmaß berücksichtigt. Tautz bot auch in diese Fällen Hilfe an. Allerdings müssten die Eltern sich beim Ordinariat selbst melden. Nach Abschluss des Verfahrens würde in den Gemeinden Aufklärungsarbeit geleistet.

Die Versetzung K.s nach Georgenberg begründete der Sprecher damit, dass sexueller Missbrauch nicht nachzuweisen gewesen wäre. In Georgenberg hätten Pfarrgemeinderat und Bürgermeister um K.s Verbleib sogar gebeten. Für seine Versetzung nach Landshut räumte Tautz Vertuschung von Seiten des Nittenauer Stadtpfarrers ein. Laut Heibel hat Schiedermaier damit gegen geltendes Kirchenrecht verstoßen.

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