Musikant rebelliert gegen Stadt

- Es ächzt und pfeift gewaltig im Sitzungssaal A 232. Dann ertönt der "Flohwalzer" und Dieter Helmer singt aus voller Inbrunst mit. Bis Amtsrichterin Martina Menrath den lustigen Musikanten stoppen kann. Ungewöhnliche Töne in einem Amtsgericht, ungewöhnlich aber auch die Anklage: weil "Drehorgel-Dieter" ohne erforderliche Genehmigung jeden Tag zwei Stunden an seinem Stammplatz vor dem Nationaltheater kräftig kurbelt, segelte ihm vor Wochen ein Schreiben des Amtsgerichts ins Haus. Ruhestörung -­ oder auf Beamtendeutsch ein "Verstoß gegen die Hausarbeits- und Musiklärmverordnung" wurde ihm vorgeworfen.

Über 300 Euro Bußgeld sollte er für diese Ordnungswidrigkeit zahlen. Doch das 57 Jahre alte Stadtoriginal will sich das nicht bieten lassen und sitzt deshalb samt seinem "Madl" auf der Anklagebank. "Hier wird eine Tradition mit Füssen getreten", echauffiert er sich, "und das alles wegen einer blöden Rathaussatzung". Seit dem Jahr 2000 bezeichnet diese Vorschrift Drehorgeln als besonders störende Musikinstrumente und verbannt sie aus den Fußgängerzonen. Dem Sturkopf ist das "wurscht": Zünftige Musik brauche der Mensch, erst Recht in einer Stadt wie München.

"Ich mache den Menschen doch nur eine Freude", versucht er sich vor der Richterin zu rechtfertigen. Das könne er ja gerne auch tun, lautet deren Antwort ­ aber bitte mit "behördlicher Genehmigung". "Die kriege ich nicht von denen im Rathaus", grantelt Helmer. Und legt der verdutzten Richterin eine dicken Stapel Unterschriftenlisten vor. 3288 Unterschriften habe er schon gesammelt. Alles Menschen, die sich für ihn einsetzen würden. Denn "Drehorgel-Dieter" plant Großes: Wenn der 5000. unterschreibt, will er ein Bürgerbegehren. "Das Volk hat zu entscheiden, nicht die Rindviecher im Rathaus."

Ein Urteil hat an diesem Vormittag aber nur die Richterin zu fällen. Sie reduziert die Geldbuße auf 200 Euro. "Zahlen Sie lieber, sonst droht Ihnen eine Ersatzfreiheitsstrafe", redet sie Helmer ins Gewissen. Der streicht zärtlich über das Holz seiner "Madl" - und gibt sich als Sieger. Niemals werde er zahlen. Dann setzt er seinen Trachtenhut auf und schaut aus dem Fenster des Gerichtsaals: "Das Wetter schaut gut aus, auf geht‘s zur Oper." Er ist und bleibt: ein Rebell der Großstadt.

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