Nach vielen Jahrzehnten Schweigen gebrochen

- Marie-Luise Jahn über ihr Engagement für die "Weiße Rose"

VON JOHANNES DANNER Vaterstetten - Wer dieser Tage von der "Weißen Rose" hört oder liest, denkt unwillkürlich an München, die "Stadt der Bewegung", in der die Nazi-Diktatur 1923 ihren Anfang nahm. 20 Jahre später wurden die Köpfe der "Weißen Rose", die Geschwister Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst, in Stadelheim hingerichtet. Dass es damals auch einen "Hamburger Zweig der Weißen Rose" gab, ist weitgehend unbekannt. Eine der letzten Überlebeden dieser Widerstandsgruppe ist die 84-jährige Marie-Luise Jahn, die am Dienstag vor 25 Schülern einer Abschlussklasse der Realschule Vaterstetten referierte.

Die ehemalige Ärztin, die in der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte in München Chemie studierte, gehörte zusammen mit Hans Leipelt zu den Menschen, die nach der Hinrichtung von Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst die Flugblätter der "Weißen Rose" weiter verbreiteten. Unterstützt wurden sie bei ihrem gewaltfreien Widerstand gegen gegen das Nazi-Regime vom "Hamburger Freundeskreis der Weißen Rose".

"Jeder ist schuldig, schuldig, schuldig, der nichts tut", hieß es darin unter anderem. Die alte Dame bezeichnete die Flugblattinhalte als "sehr massiv". Angesichts des nationalsozialistischen Gewaltregimes für die Widerstandskämpferin damals eine absolute Notwendigkeit.

Auf Parallelen zur Nachkriegszeit wollte die Referentin nicht verzichten. Wer heute die Präambel des Grundgesetzes studiert, wird feststellen, dass dort sehr genau das föderalistische Prinizp der Bundesrepublik Deutschland beschrieben wird. Die 84-Jährige: "Exakt die gleichen Forderungen finden wir bei Widerstandsgruppen im Dritten Reich für die Zeit nach dem Zusammenbruch." Recht nachdenklich wirkten die Zuhörer, als Marie-Luise Jahn von den unvorstellbaren Menschenverlusten im Zusammenhang mit der Schlacht von Stalingrad berichtete. Die Zahl der sowjetischen Gefallenen sei allerdings um ein Vielfaches höher gewesen, "als uns damals von den braunen Machthabern mitgeteilt wurde."

"Und ihr Geist lebt trotzdem weiter!" Was sich die Widerstandskämpfer nach der Hinrichtung der Geschister Scholl und Christoph Probsts zum Ziel gesetzt hatten, hat für Marie-Luise Jahn heute noch Gültigkeit. Angesichts vermehrter Ausländerfeindlichkeit und eines zunehmenden Fremdenhasses in Deutschland, hält sie es - auch im hohen Alter - geradezu für ihre Pflicht, in Schulen zu gehen, um den jungen Menschen die Augen zu öffnen für das, was Diktaturen anrichten können. Marie-Luise Jahn wurde im Januar 1945 zu zwölf Jahren Haft verurteilt und zwei Monate später von den Amerikanern aus dem Frauenzuchthaus Aichach befreit.

"Jahrzehntelang konnte ich nicht darüber sprechen" erklärte die 84-Jährige zum Schluss der Veranstaltung den jungen Leuten. Ich habe mich in Schweigen gehüllt, um die schrecklichen Ereignisse zu verarbeiten. Jetzt hat sie ihr Schweigen gebrochen. Zum Glück!

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