"Nachtcafé" schließt seine Türen

- Viele werden es nicht glauben wollen: Das Nachtcafé, eine Kultstätte mit weit über München hinausreichendem Ruf, hat seine Türen geschlossen. Am Samstag war zum letzten Mal geöffnet, am Sonntag ließ Wolfi Kornemann, geschäftsführender Gesellschafter, nur noch das Personal ein. Er teilte seinen Leuten mit, dass er sie entlassen müsse. "Es ist traurig und ganz bitter. Es tut verdammt weh", sagte er. Er wisse, die Nachricht werde "für viele ein Schock sein".

<P>Probleme mit den Finanzen führten zu dem völlig überraschenden Aus. Erstens habe man gegenüber dem Vorjahr einen Umsatzverlust von 20 Prozent zu beklagen, sagte Kornemann. Zweitens stehe eine Untermieterin mit einer Disco inzwischen mit 190 000 Euro in der Kreide. Und drittens habe der Besitzer des Gebäudes, eine Münchner Versicherung, nach einer Mieterhöhung von 10 000 Euro im vergangenen Jahr heuer noch einmal 7000 Euro mehr verlangt. Womit sich die Pacht inzwischen auf 31 000 Euro belaufe. "Alles zusammen genommen, sind wir am Ende angelangt", so der Gesellschafter. Gerne wäre Kornemann mit der traurigen Nachricht ein, zwei Wochen vor Schließung an die Öffentlichkeit gegangen. Aber die Situation erfordere "einen schnellen Schlussstrich". Kornemann betonte, "dass wir nicht zahlungsunfähig sind. Aber bei einer Aufrechthaltung des Betriebes kämen wir finanziell ins Schlingern." <P>Das Nachtcafé verstand sich als solide Alternative zu Münchens Discotheken. Als Jazz-, Blues- und Swing-Lokal mit dem urigen 50er-Jahre-Mobiliar aus dem Hotel Regina zog es Nachtschwärmer und die Boheme mit gehobenem Unterhaltungs- und Mußeanspruch an. Regelrecht berühmt wurde es durch die spontanen Auftritte unzähliger Bands. Immer wieder kleine Sternstunden, wenn Musikstars aus aller Welt nach ihren Konzerten in München im Nachtcafé vorbeischauten und dort zu den Instrumenten griffen. Unvergesslich, wie die Band von Lionel Hampton mit ihrer Gratiseinlage die Gäste zu Beifallsstürmen hinriss. Ebenso Herbie Hancock und George Benson. Es war diese spontane, aus dem Herzen kommende Freigiebigkeit von Weltstars in einer beinahe familiären und toleranten Atmosphäre, die Prominenz aus aller Welt ins Nachtcafé zog. Auch für ausländische Gäste, allen voran US-Bürger, war das 1987 ins Leben gerufene Lokal ein nächtlicher Lichtblick. Die Tochter von König Karl Gustav von Schweden etwa, Kronpinzessin Victoria Ingrid, war vom Nachtcafé so angetan, dass sie hier ein Jahr nach dem Besuch des Königs zusammen mit den Kindern von Prinz Leopold von Bayern ihren 18. Geburtstag feierte. Viele andere adelten das Nachtcafé mit ihren großen Namen - ob die Schauspiel-Ikonen Bud Spencer, Terence Hill oder Alain Delon und Pop-Star Whitney Houston, Polit-Größen wie Nato-Generalsekretär Manfred Wörner, Kosmopolit Sir Peter Ustinov, die Entertainment-Gurus Michael Schanze, Thomas Gottschalk und Günther Jauch. Oder die Stammgäste Udo Jürgens und Boris Becker. <P>Kaum etwas spiegelte den Charme der Institution ähnlich wieder wie jene Szene, als der damalige FDP-Wirtschaftsminister Helmut Haussmann niederkniete und Münze für Münze auflesen half, nachdem einem Kellner das Portemonnaie heruntergefallen war. Jetzt hat die Legende ihre Türen für immer geschlossen. Was bleibt, ist Rat- und Fassungslosigkeit - und gleichwohl Stolz. Kornemann: "Wir sagen schweren Herzens, aber erhobenen Hauptes Adieu." <P></P>

Auch interessant

Kommentare