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Die neue Sucht nach Zukunft

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- VON CAROLINE WÖRMANN Astrologische Beratung via Internet, Fernsehen oder Telefonhotline: Das Geschäft mit der Zukunft boomt. Doch die Ratsuche kann abhängig machen - und arm. Die Münchner Suchtberatung im Tal 19 schlägt Alarm: Die so genannte Heilersucht nimmt extrem zu. Anrufe von verzweifelten Menschen, die vor einem Schuldenberg stehen, häufen sich. Christoph-Peter Teich Leiter der "SuchtHotline", sagt: "Momentan melden sich jede Woche fünf neue Betroffene bei uns."

Überwiegend Frauen geraten in psychische Abhängigkeit von Kartenlegern, Schamanen, Astrologen und Pendlern. Sozialpädagoge und Psychotherapeut Teich weiß, wie die Sucht beginnt: "Meist geht es um eine akute Krise in der Partnerschaft." Doch aus der dringenden Suche nach einem Rat wird schnell Handlungsunfähigkeit. "Irgendwann können diese Menschen keinerlei Entscheidungen mehr selbst treffen." Bei einem Telefontarif von 1,50 bis 2,50 Euro pro Minute eine teure Lebenshilfe. Schulden von bis zu 20 000 Euro sind keine Seltenheit. Die Berater der SuchtHotline (089/28 28 22) bieten deshalb neben psychologischer Hilfe auch an, eine Schuldnerberatung einzuschalten.

Frau liest die Zukunft aus dem Kerzenrauch

Was in TV-Astrosendungen sichtbar ist, ist meist harmlos, glaubt Teich. Telefonate fernab der Öffentlichkeit aber würden von den Astro-Beratern oft künstlich in die Länge gezogen, eine Folgeberatung dringend empfohlen. Die Methoden der Astro-Anbieter sind zweifelhaft, jedoch nicht strafbar. Wie die Macher der TV-Sendung "report München" im Juli 2006 herausfanden, hielt sich beispielsweise der Anbieter "Questico" nicht an sein selbst ausgelobtes "Verbot besonders bindender Beratungsangebote".

Es sind absurde Sachen, die Suchtberater Teich beobachtet hat: "Da gibt es eine Frau, die vor einer Kerze sitzt, und aus der Richtung, in die der Rauch zieht, die Zukunft liest." Doch Experten wie Frauke Zarathnik von der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg, die sich auf Heilungssucht spezialisiert hat, bestätigen, dass Menschen aus allen sozialen Schichten und mit verschiedensten Bildungsgraden auf diese Angebote reagieren. "Weil in Notlagen andere Spielregeln gelten", erklärt Zarathnik.

Wahrscheinlich, sagt Teich, gebe es die Heilersucht bereits länger. Sie sei aber so tabuisiert, dass es Betroffenen bisher viel zu peinlich gewesen sei, sich helfen zu lassen. Öffentlich machte die neue Sucht nach Zukunft der Münchner Musiker und Autor Mic Schneider. Im April 2006 veröffentlichte er sein Buch "Prophet oder Profit?", in dem er von seiner eigenen Erfahrung als "Zukunftssüchtiger" berichtet und die Abhängigkeit von Prophezeiungen als gefährliches Tabu enttarnt.

Seit über das Buch berichtet werde, trauten sich die Menschen, ihr Schweigen zu brechen, glaubt Teich. Um ihnen zu helfen, soll nun in Zusammenarbeit mit dem Selbsthilfezentrum München eine Selbsthilfegruppe gegründet werden. Eine Therapie ist möglich, erklärt Teich. "Häufig steht große Einsamkeit dahinter." Gemeinsam mit einem Therapeuten könne wieder ein normales Freizeitverhalten erarbeitet werden. Der erste Schritt auf dem Weg zur Gesundung ist ein Abschied: "Den PC aus der Wohnung werfen", sagt Teich. Ein Alkoholiker könne schließlich auch nicht durch Kneipenbesuche trocken werden.

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