N.Y. infiziert vom "Tonio Selwart Fieber"

- Der Schauspieler Anton Selmair ist tot

Wartenberg - Der Wartenberger, dem vor 70 Jahren der Big Apple zu Füßen lag, ist tot. Anton Selmair, am 9. Juni 1896 in Wartenberg geboren, ein Onkel des heutigen Klinikchefs Prof. Dr. Hans Selmair, starb vor einer Woche - am Allerseelentag - im 107. Lebensjahr in New York.

Nach dem Ersten Weltkrieg hängte der hoffnungsvolle Student, der aus einer Wartenberger Arztfamilie stammte, das Medizinstudium an den Nagel, weil er sich zum Schauspieler berufen fühlte. Sein Vater soll damals gesagt haben: "Es ist weniger gefährlich, ein schlechter Schauspieler zu sein als ein schlechter Arzt". Doch Anton wurde ein Star. Auf die Ausbildung an der Falckenberg-Schule folgten die ersten Engagements auf deutschen Bühnen, bevor er 1932 nach Amerika ging.

Er nannte sich dort Tonio Selwart (unschwer als Anton Selmair aus Wartenberg zu definieren) und schaffte seinen Durchbruch mit dem Historien-Stück "The Pursuit of Happiness" am New Yorker Broadway. Er spielte darin einen hessischen Söldner, der sich während der amerikanischen Revolutionswirren in eine Farmerstochter verliebt. "New York im Selwart-Fieber" war damals auf großen Plakatwänden zu lesen. Weil in der Heimat inzwischen die Nazis an die Macht gekommen waren, entschied sich der Star, in Amerika zu bleiben.

Der endgültige Abschied von seiner Heimat anno 1938 fiel ihm allerdings schwer. Erika und Klaus Mann, die zu seinen Freunden gehörten, beschrieben in ihrem Buch "Escape to life" seine Einbürgerung. Selwart sei ganz ruhig geworden und habe gesagt: "Mein Gott, das letzte Mal als Bayer." Er wollte aber auf keinen Fall unter Hitler leben.

Bald holte ihn auch Hollywood. Er spielte dort unter so bedeutenden Regisseuren wie Fritz Lang, Orson Welles und Fred Zimmermann. In einem Brief, den Selwart meist bei sich trug, schrieb Orson Welles: "Ich wünschte mir, wir könnten wieder und wieder neue Szenen zusammen drehen". Selwart war unter anderem Filmpartner von Ava Gardner und Humphrey Bogart. Kritiker rühmten vor allem seine schauspielerische Leistung in dem 1942 gedrehten Film "Auch Henker sterben", in dem er den Gestapo-Chef Haas spielte, der in Prag nach den Attentätern des Reichsprotektors Reinhard Heydrich fahndete.

Nach dem Krieg holten ihn auch Regisseure wie Lucino Visconti und Franco Zeffirelli vor die Kamera. Man konnte Selwart auch in der Begleitung von Weltstars wie Greta Garbo oder Charly Chaplin sehen. "Vor allem denke ich gern an meine Theaterarbeit zurück", sagte der Schauspieler anlässlich seines 105. Geburtstags. "Meine ersten Auftritte an der Bayerischen Landesbühne, später in London und dann am Broadway - ich danke Gott, dass ich das erleben durfte."

Gegen Ende seines bewegten Lebens war Tonio Selwart, alias Anton Selmair, blind und schwerhörig. Aber er erzählte immer noch gern alte Geschichten, so zum Beispiel ein Erlebnis mit Thomas Mann aus seiner Münchner Zeit: "Die Kapelle spielte gerade einen Shimmy, da zog er mich in weinseliger Laune aufs Parkett. Ich versuchte es mit dem 4/4-Takt, aber Thomas Mann tanzte Walzer, und so trat ich dem berühmten Schriftsteller wiederholt auf die Füße. Da entzog er mir das Du und schimpfte: "Ab jetzt siezen wir uns wieder".

In einem alten Bauernschrank in seiner New Yorker Wohnung hat Selmair immer die wichtigsten Dinge aus seinem Leben aufbewahrt: Fotos, Artikel, Notizen. Auch der Schrank war ein Stück seines Lebens, denn er stammte aus seiner geliebten bayerischen Heimat.Franz Karger

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