Olympische Ringe im Herzen

- VON TANJA BRINKMANN Garmisch-Partenkirchen - Mit einem Buch über die Olympischen Spiele 1928 fing alles an. "Mein Großvater hat es mit zum 14. Geburtstag geschenkt", erinnert sich Inge Wörndle. Fasziniert verschlang die Schülerin die Lektüre - "da sind mir die olympischen Ringe ins Herz gewachsen". Losgelassen hat sie das Symbol seither nicht mehr, immer noch - mit der gleichen Begeisterung - verfolgt sie das Großereignis. Inzwischen allerdings nicht mehr aus ihrer Ansager-Kabine, sondern auf dem Bildschirm. "Durch das Fernsehen kann man auch als alter Mensch überall dabei sein", meint sie schmunzelnd. Heute wird Inge Wörndle 90 Jahre alt. Ein Anlass, den die Garmisch-Partenkirchnerin im Kreis ihrer Familie und Freunde gebührend feiert.<BR>

Sobald sich die fünf Ringe in ihrem Herzen festgesetzt hatten, stand für die gebürtige Berlinerin fest: "Nach dem Abitur schau` ich, wie ich in die Spiele 1936 reinrutschen kann." Selbstbewusst erkundigte sie sich beim Organisations-Komitee nach einer Stelle und wurde angesichts ihrer Sprachkenntnisse sofort engagiert. "Der Presse-Chef hat gesagt, für italienisch nehm` ich Sie sofort", erzählt Wörndle. Noch fand sie ihr Wissen allerdings nicht ausreichend, weshalb sie zwei Jahre zum Studium nach Italien ging - erst als Au-Pair-Mädchen in die Nähe von Florenz, dann nach Perugia. "Nach dem Abschluss wurde ich mit fliegenden Fahnen genommen."<P>Die junge Frau, die mit sehr viel Einsatz bei der Sache war, überzeugte und wurde prompt für die Sommerspiele in Berlin angeheuert. "Da war ich dann für die Kritik an den Spielen zuständig." Mit zwei Kolleginnen musste sie 70 ausländische Zeitungen auswerten, die entsprechenden Artikel übersetzen und auf Matrizen tippen. Punkt 12 Uhr musste dieses "streng vertrauliche" Material dann auf dem Schreibtisch von Adolf Hitler liegen.<P>Von Olympia kam Inge Wörndle auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht los: 1956 in Cortina D`Ampezzo hatte sie als "Leihgabe von Bayern" alle Hände voll. Auch in München, Innsbruck, Grenoble, Mexico City, Rom und anderen Austragungsorten war Wörndle als Ansagerin dabei - zehnmal insgesamt. Dazu kommen zahlreiche andere internationale Großveranstaltungen, wie das Neujahrs-Skispringen. Stets behandelte sie alle Athleten gleich, immer kamen nur Fakten über ihre Lippen - auf deutsch, englisch, französisch und italienisch. Außerdem beherrscht sie russisch, portugiesisch und spanisch. Mit 80 Jahren habe sie aufgehört, "da fing dann die ganze Quatscherei an, das war nicht meine Sache".<P>Der Grundstock für die Ansager-Karriere der "Stimme" "Jetzt habe ich mit Nordic-Walking angefangen und mache mit einem Rucksack all meine Einkäufe." Inge Wörndle wurde bereits nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt. Zusammen mit ihrer Mutter war sie bald nach den Spielen in Berlin nach Garmisch-Partenkirchen gezogen, wo sie auch ihren Verlobten kennengelernt hatte. 1939 wurde geheiratet, dann musste ihr Mann in den Krieg ziehen. Im Mai 1945 engagierten dann die Amerikanern Inge Wörndle, um als Übersetzerin beim Wiederaufbau der Olympia-Stätten zu helfen. "Vor der Zusage habe ich erst noch überlegt, wie ich das mit zwei Kindern schaffen soll." Als das Eisstadion dann fertig war, fungierte sie unter anderem als Ansagerin. "Ich war begeistert, ich habe Geld verdient und bekam einmal pro Woche eine wunderbare Lebensmittel-Kiste." Kein Verständnis für diese Selbstständigkeit hatte hingegen ihr Mann, weshalb sie sich trennten "und ich dann alleinerziehende Mutter war".<P>Mehr als 35 Jahre arbeitete Wörndle als Sportdirektorin bei den Amerikanern. "Ich musste dafür sorgen, dass immer was los war", sagt sie. Um dem gerecht zu werden, hieß es schnellstens Golf-Stunden zu nehmen und Bowling zu lernen. Vor allem fürs Golfen entwickelte sie schnell eine Leidenschaft: "50 Jahre war ich begeistert dabei und würde immer noch spielen, wenn meine Beine nicht so verkalkt wären." Auf ihre geliebte sportliche Betätigung verzichtet Inge Wörndle, die als 16-Jährige den Mont Blanc bestiegen hatte, freilich auch heute nicht: Langlauf, Eisstock schießen und Nordic-Walking stehen auf ihrem Programm. Außerdem ist sie ehrenamtlich tätig. Neben dem Lotsendienst im Klinikum arbeitet sie in zwei Büchereien und kümmert sich immer sonntags um die Cafeteria in der "Villa Nova" - "das ist jetzt mein Sport".<P>

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