Partei der Vernunft will in den Bundestag

- "Kundgebung" mit neun Leuten

VON OLF PASCHEN Fürstenfeldbruck - Besonders eilig scheinen sie es nicht zu haben, das Land zu retten. Eine Viertelstunde nach dem geplanten Beginn der "Kundgebung" geht der Vorsitzende mit seiner Entourage erst mal "Kaffee trinken", unten zum Fürstenfelder. Großen Besucherandrang scheinen die "Vernünftigen" bei ihrem ersten Auftritt in Fürstenfeldbruck also nicht mehr zu erwarten. Aber so bietet sich der Presse im Biergarten eine erste Gelegenheit, die neue Alternative zu den "Altparteien" kennen zu lernen. Neun Leute sitzen zusammen und hängen an den Lippen ihres Chefs, der über die desolate Lage doziert.

Freilich ist der Parteigründer nicht nur Theoretiker: Den fehlenden Zucker für den Kaffee holt er mit den Worten "Wir sind eben problemlösungs-orientiert" vom Nachbartisch. Der Kreis Bruck gilt der parteipolitisch organisierten Vernunft als eine Hochburg. Gibt es doch hier mit Germering den "zweiten Ortsverband" nach Passau. Dass die junge Partei organisatorisch noch in den Kinderschuhen steckt, bestreitet auch Gary Rex nicht. Der 50-jährige Passauer Heilpraktiker, der den Doktortitel einer Universität in Costa Rica führt, will darum auch noch nicht im Herbst den Landtag stürmen, sondern erst in drei Jahren in den Bundestag einziehen.

Denn nächstes Jahr werde angesichts zerrütteter Sozialsysteme und von 150 000 Unternehmenspleiten ein allgemeines "Bewusstsein für die dramatische Situation" entstehen, das die "Vernünftigen" automatisch ins Parlament spülen werde. Nicht nur über die Fünf-Prozent-Hürde will Rex hüpfen, er peilt angesichts der ab dem nächsten Jahr verbreiteten "Aussichts- und Hoffnungslosigkeit" die 40-Prozent-Marke an. Wer angesichts solcher Ambitionen glaubt, hier nehme ein Häuflein von Satirikern den politischen Betrieb und dessen öffentliche Darstellung auf den Arm, liegt falsch. Die Parteigründung und die Bundestags-Kandidatur seien "total ernst gemeint".

"Wir lieben unsere

Ausländer, weil sie unsere

Republik bunt machen und

uns internationale Küche

bringen." Parteigründer Gary Rex

Bis zum Partei-Aufschwung ist allerdings noch eine Durststrecke zu überwinden. Einige Anhänger scheinen denn auch etwas verzagt. "Vernunft ist nicht in. Es wird nur gehört, was laut und bunt ist", sagt Ilse Stritesky aus Germering. Der schwarz-weiß gewandete King Rex kann bei seinem anschließenden Vortrag aber weder mit Farbe noch mit Lautstärke dienen, heiser wie er ist. Dafür mit heftigen Angriffen auf die "Oberbonzen" aus den Altparteien.

Immerhin: Das Programm der Partei macht Schule. Erst wenige Tage stand die Forderung nach Abschaffung der Studienplatz-Zentralstelle auf der Vernünftigen-Homepage, schon habe sie sich Ministerpräsident Stoiber zu eigen gemacht. Die Inhalte bestimmt der Chef allein, wie eine kleinen Begebenheit zeigte: Als etwas lautere Musik durch die Tür drang, meinte Rex: "Solange die Leute singen, ist nicht alles verloren." "Solange sie deutsch singen", ergänzte ein Zuhörer. Damit lag er aber beim Parteigründer falsch: "Wir lieben unsere Ausländer, weil sie unsere Republik bunt machen und uns internationale Küche bringen."

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