Der Pate von Indersdorf

- VON THOMAS ZIMMERLY Indersdorf - Die Zentrale der Augsburger Disco-Mafia war die "Powerstation" in Indersdorf. Von hier aus planten die Verbrecher Mord, Erpressung, Betrug. Es handelt sich um die wohl größte Verbrechensserie im Gebiet Aichach-Dachau.<BR>

<P>28. August 1993: Christine G., gerade 16 Jahre alt, will nur schnell vor die Tür etwas Luft schnappen gehen. Es werden die letzten Atemzüge ihres Lebens. Eine Überwachungskamera hat sie im Fokus. Es ist 23.57 Uhr an jenem 28. August 1993, als der Teenager auf die Veranda der Dasinger Diskothek "Supermäx" tritt. Ihr Mörder wartet schon auf sie, an der nahen Bundesstraße 300, in einem Auto. Als er Christine G. sieht, feuert er auf sie - aus einem Jagdgewehr aus 60 Metern Entfernung. Dann verschwindet er in der Dunkelheit. Spurlos. Den Schuss nimmt in dieser warmen Sommernacht niemand richtig wahr. Die Folgen jedoch sind entsetzlich: Die Kugel bohrt sich in die Lunge der jungen Frau. Wenige Augenblicke später ist Christine G. tot. <P>1. September 1993: 500 Trauergäste sind gekommen, als die angehende Arzthelferin in ihrem Heimatort Esting (Kreis Fürstenfeldbruck) begraben wird. Und sie alle fragen sich: Warum nur musste das fröhliche Mädchen sterben? Wer ist der kaltblütige Mörder? Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, ermittelt eine 70-köpfige Sonderkommission der Augsburger Polizei - fast zwei Jahre lang. <P>Juni 1994: Erst dann kommt Licht ins Dunkel des wohl mysteriösesten Verbrechens in der Geschichte der schwäbischen Polizei. Die Soko findet heraus, dass der Mord an Christine G. nur ein Mosaiksteinchen einer unglaublichen Serie von Verbrechen ist. Und sie sind fassungslos, als sie eines erfahren: Die Bauerstochter ist ein Zufallsopfer, ein Spielball der üblen Machenschaften der Augsburger Disco-Mafia. Mord, Körperverletzung, Brandstiftung, Entführung, Erpressung und Betrug sind das Trachten ihrer Mitglieder, Geld und Macht ihr Antrieb. Ihre gemeinen Verbrechen aber führen ins Verderben. Am Ende des langen blutigen Weges sind drei der vier Haupttäter tot.<P>Die Mauer des Schweigens beginnt zu bröckeln, als ein Diskothekenbesitzer im schwäbischen Burgau seinen Entführern schwer verletzt entkommen kann. Die Soko sucht nun im schwäbischen Diskotheken-Milieu. <P>"Eine solche Brutalität <P>habe ich im Raum <P>Aichach-Dachau nicht für <P>möglich gehalten."<P>Oberstaatsanwalt Jörg Hillinger <P>Juni 1995: Ein Zeuge "singt" schließlich; von dem Mord an Christine G., aber auch von einer bislang unentdeckten Hinrichtung. In einem Waldstück bei Aichach finden die Beamten die Überreste von Josef Helfer (41) - der Leichensuchhund "Reika" wittert den erdrosselten Wertinger "Automatenkönig" in einer Tiefe von 1,60 Metern unter zwei Lagen Zement.<P>Von einem Mitläufer wissen die Soko-Männer schließlich auch, dass es sich bei der im Januar 1995 im Pumpenhäuschen eines Baggersees bei Aichach einbetonierten Leiche um Lothar Wolff (30) handelt. Der Hähnchenbrater ist mit einem Kopfschuss hingerichtet worden. Der Leitende Oberstaatsanwalt Jörg Hillinger sagt: "Eine solche Brutalität habe ich im Raum Aichach-Dachau nicht für möglich gehalten."<P>26. Juni 1995: Hinter allem steht ein Mann, eine faszinierende, hochintelligente Persönlichkeit zugegeben, aber vor allem ein eiskalter Verbrecher, der ohne Gnade diejenigen beseitigt, die seinen Interessen im Wege stehen. Und der mordet, wenn dadurch Geld in seine Kassen fließt. Sein Name: Muthana Sarhan. Doch er nennt sich "Fabio Taramelli". Und er narrt die Polizei. Der 39-Jährige stammt aus dem Irak, ist kein Italiener, wie die Soko lange glaubt. Er wandert bereits 1994 in Untersuchungshaft. In den Verhören kann er jedoch seine wahre Identität verschleiern - und kommt zunächst wieder frei.<P>Seine Komplizen Josef Helfer, Lothar Wolff und der Vierte im Bunde, Michael Schillinger (29), sind bloße Werkzeuge. Das Gehirn der Bande ist Sarhan - nur Sarhan. Der Pate bestimmt die Richtung. Sein Hauptquartier ist die Indersdorfer Disco "Powerstation", deren Pächter er ist. Sarhan hat ein großes Ziel: Herrscher der Disco-Szene in Schwaben und Oberbayern. Dazu will er die Besitzer des "Supermäx" in Misskredit bringen. Die Nachtschwärmer sollen zu ihm kommen, nicht nach Dasing fahren. Deshalb muss Christine G. sterben.<P>Doch er gerät ins Visier der Staatsanwälte. Er wird schließlich erneut festgenommen und nach Straubing verbracht. In der dortigen Haftanstalt zieht er sich eine Plastiktüte über den Kopf und fesselt sich die Hände auf den Rücken. Am 26. Juni 1995 um 3.50 Uhr findet ihn ein Wachtmeister. Muthana Sarhan alias "Fabio Taramelli" ist tot. <P>Gar so ungewöhnlich, so sagt die Spurensicherung, ist diese Methode des Selbstmordes nicht. Die Beamten finden Abschiedsbriefe. In einem bezichtigt der laut Polizei "schlimmste Killer von ganz Europa" den mittlerweile ebenfalls im Gefängnis sitzenden Michael Schillinger des Mordes an Christine G.<P>4. Februar 1997: Michael Schillinger steht vor dem Augsburger Schwurgericht. Angeklagt wegen dreifachen Mordes, Mordversuchs, Entführung, Brandstiftung und unzähligen Betrügereien. Schillinger sagt, Muthana Sarhan habe die Morde begangen. Und er hätte auch ihn, Schillinger, um die Ecke gebracht, wenn er nicht mitgemacht hätte. Oberstaatsanwalt Hans Popp, der dem 29-Jährigen "unermessliche Habgier" vorhält, benennt 130 Zeugen und zehn Sachverständige, um die Wahrheit herauszufinden.<P>Höchste Gewaltbereitschaft, um an Geld zu kommen <P>25. April 1997: Michael Schillinger wird zu lebenslanger Haft verurteilt. "Er hat mit seinen Komplizen höchste Gewaltbereitschaft gezeigt, um zu Geld zu kommen", begründet der Vorsitzende Richter Hanns-Rainer Schultz den Spruch der Kammer. Diese sieht in Muthana Sarhan den Täter, Schillinger habe aber alles "mitgeplant". Wer Christine G. tatsächlich die Kugel in die Lunge schoss, ist bis jetzt nicht mit letzter Gewissheit geklärt. Michael Schillinger sitzt heute in einem Gefängnis in Nordrhein-Westfalen und schweigt.<P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Nicht allein mein Verdienst“: Eichstätt-Coach Mattes spricht über die Erfolgs-Story
Der Erfolgslauf des VfB Eichstätt hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Mattes-Elf thront an der Spitze der Regionalliga und das im erst zweiten Jahr nach dem …
„Nicht allein mein Verdienst“: Eichstätt-Coach Mattes spricht über die Erfolgs-Story

Kommentare