Pattons wahnwitziger Plan

- Tegernsee/Kreuth - Er war vom Krieg besessen, er wollte von der "allerletzten Kugel in der allerletzten Schlacht getroffen werden" - und starb nach einem mysteriösen Autounfall in einem Spitalbett in Heidelberg am 21. Dezember 1945, vor genau sechzig Jahren: Viersterne-General George S. Patton jr., eine amerikanische Heeresführer-Legende. Wenige Monate zuvor hatte er in den Kreuther Bergen das "Undenkbare" gewagt: deutsche Kampfverbände gegen die Sowjetunion aufzustellen. "Operation Unthinkable" im bayerischen Oberland - ein bisher weitgehend unbekanntes Kapitel der Zeitgeschichte.<BR>

George Patton war von dieser Vorstellung getrieben: Nach dem Sieg der vier Alliierten über Hitler-Deutschland wird es zu einem Weltkrieg zwischen den Westmächten und der Sowjetunion kommen. Und er zog daraus die Schlussfolgerung: Amerika hat intakte Streitkräfte in Europa stehen und muss die UdSSR angreifen, bevor Stalin seine angeschlagene Rote Armee (Patton, sinngemäß: "Diese Mongolenbrut") wieder aufgebaut hat.

Dies waren Strategien, denen offenbar auch der britische Premier Churchill nachhing, aber niemand dachte so radikal wie Patton, der zwar ein militärisches Genie war, aber auch exzentrischer Selbstdarsteller und Polit-Rambo unter vier Generalssternen. Und niemand Pattons besonderer Respekt galt der Waffen-SS setzte so eindeutig und unverblümt auf Wehrmacht und Waffen-SS: "Wir müssen mit den Deutschen nach Moskau marschieren", war sein Credo. "Eigentlich sind die Deutschen die einzigen anständigen Leute, die in Europa übrig geblieben sind." Der besondere Respekt des Militärs Patton galt dabei der Waffen-SS: Er sah in ihr eine "Bande sehr disziplinierter Hurensöhne".

In den Tagen und Wochen nach der Kapitulation Deutschlands, Mai 1945, ergab sich im Alpenvorland folgendes Szenario: Patton residiert als US-Militärgouverneur für Bayern in der Villa des "Reichspresseleiters" Amann am Tegernsee. In den Kreuther Bergen steht die weitgehend intakte 17. SS-Panzergrenadier-Division "Götz von Berlichingen". Sie hat kapituliert, sich aber gewissermaßen noch nicht ergeben, weil sie sich nach wie vor auf das Deutsche Reich vereidigt sieht. Kommandeur Bochmann, ein SS-Oberführer im Generalsrang, besteht auf einem gleichrangigen US-Offizier für die Übergabe, Protokoll bleibt Protokoll. Und die Amerikaner ziehen sich an das Nordufer des Tegernsees zurück - und warten ab.

Erst ein im Sommer 2005 aufgetauchter Bericht eines deutschen Zeitzeugen erhellt jetzt, was Patton in diesen Tagen mit der SS-Division aushandelte. Dieses Tegernseer Dokument sind die Aufzeichnungen von Ernst Rudolf Poeck, Chefchirurg eines deutschen Armeekorps, der seit Februar 1945 in Tegernsee in einem Lazarett lag; die Papiere wurden sechzig Jahre später von seinem Sohn, dem Bankier Wolfgang Poeck, über die Zeitschrift "Tegernseer Tal" der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Aus diesen Unterlagen geht hervor: Patton hatte das aufgelöste XIII. Armeekorps der Deutschen Wehrmacht neu gegründet (es sollte dann dem Offizierskorps der SS-Division "Götz von Berlichingen" unterstellt werden) und Poeck zum Korpsarzt für diese im Wiederaufbau befindliche deutsche Streitmacht ernannt. Poeck, dem Jeep und Fahrer gestellt wurden, hatte den Auftrag, in allen US-Gefangenenlagern Bayerns das Sanitätswesen für diese Truppe zu organisieren und Patton dann Vollzug zu melden. Denn nach Pattons Philosophie ist eine Armee nur so gut wie ihre Sanitätseinheiten.

Mit der Führung der SS-Division, die im Kreuther Weißachtal zwischen dem Tegernsee und der Landesgrenze Position bezogen hatte, war nach den Aufzeichnungen Poecks (basierend auf den US-Gewährsleuten Captain Saltman und Lieutenant Knoff) vereinbart worden, dass Patton die Übergabe selbst wahrnehmen wollte, weil er von der stolzen Haltung der Division beeindruckt war. In Poecks Bericht heißt es weiter:

Begeisterter Empfang

"Die Kommandoübergabe an die Amerikaner hat dann so stattgefunden, dass die SS-Division im Karree angetreten war und Patton mit einem Hubschrauber innerhalb dieses Karres landete. Patton stieg aus, der SS-General erstattete ihm Meldung und forderte die Truppe auf, General Patton mit einem dreifachen ,Heil Hitler` zu begrüßen, was dann geschah. Patton schien überwältigt, weil er eine solche Haltung nach Kriegsende noch von keiner deutschen Truppe erlebt hatte, und soll dann den SS-General gefragt haben, ob er sich vorstellen könne, dass seine Männer mit den Amerikanern mehr oder weniger sofort Seite an Seite gegen die sowjetischen Truppen kämpfen würden - mit dem Ziel, diese aus Europa herauszujagen. Der SS-General soll dann das Megaphon genommen und die Soldaten aufgefordert haben, einen Schritt nach vorne zu treten, wenn sie bereit wären, mit den Amerikanern gegen die Russen zu kämpfen. Als Resultat soll die ganze Truppe, ohne eine einzige Ausnahme, einen Schritt nach vorne getan haben."

Doch Patton überschlug sich in unglaublichen antisemitischen Äußerungen, der "Kreuzzug" gegen Stalin wurde für ihn zur Obsession. Wenige Monate nach den Ereignissen im Tegernseer Tal wurde er abgesetzt - damit blieb Pattons Langer Marsch nach Moskau mit einer SS-Division aus den Kreuther Bergen nur eine wahnwitzige Idee.

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