Von Pferdedecken zum feinen Tuch

- Die Firma Kraus entwickelt sich zum Fachgeschäft - Teil II

Erding (pde) - Kaffee, Haarwasser, Kandis, Gewürze, Weihrauch Teigwaren, Tabak, Kolonialwaren und Tuche. Das ist das Sortiment der Firma M.U. Kraus am Erdinger Schrannenplatz. Max Ulrich Kraus hat das Anwesen 1856 im Alter von 23 Jahren geerbt. Der tüchtige Geschäftsmann engagiert sich wie sein Vater für das öffentliche Wohl. Er ist zum Beispiel Mitbegründer der Freiwilligen Feuerwehr und Mitglied der Liedertafel, weiß sein Urenkel, der heutige Geschäftsinhaber Hermann Kraus, der die Geschichte des Hauses am Schrannenplatz und somit auch seiner Familie recherchiert hat.

Zehn Kinder werden dem Ehepaar Max Ulrich und Katharina geboren, zwei von ihnen sterben früh. 1902 erliegt der Geschäftsmann einem Gehirnschlag, seine Frau überlebt ihn nur um ein Jahr.

Ihre Erstgeborene, Brigitte, lebt mit ihrem Mann in Landshut, der Bierbrauer Maximilian heiratet im Alter von 30 Jahren beim Ferstlbräu ein.

Die verwitwete Maria ehelicht Xaver Wildfeuer. Und die 22-jährige Katharina erliegt dem entschlossenen Werben des 1852 auf Java geborenen Rentiers William van`t Wont Stavers. Trotz dessen beträchtlichen Vermögens war es offenbar "nicht leicht, des Krauses Käthe zu bekommen", berichtet Hermann Kraus.

Ehe vom Papst

annulliert

Die Ehe wird von sieben Kindern gesegnet. Sohn Frank wandert nach Amerika aus, Hella heiratet den Hof-Opernsänger Karl Schuster. Petronilla wird 1914 von Dr. Wilhelm Weindler, dem Enkel des früheren Bürgermeisters, gefreit. Doch deren Ehe wird vom Papst annulliert, weil sie nicht vollzogen worden sei. Ihre Tochter Elisabeth war bereits vor der Hochzeit gezeugt worden.

Petronillas Schwester Wilhelmine ist Lehrerin in Wolfratshausen. Ihre Tochter Hella wird in zweiter Ehe Rudolf Kalmowicz heiraten. Raimund, ein weiteres Kind von Max Ulrich und Katharina, zieht mit seiner Frau Elise, Tochter des Bürgermeister Theodor Ortner, nach Taufkirchen an der Vils.

Und schließlich ist da noch Franz Xaver Kraus, der Großvater von Hermann Kraus. Er wird 1862 geboren. Zunächst arbeitet er bei der Schlossverwaltung Grünbach, kommt dann ins Fränkische, wo er seine spätere Frau Juliane kennen lernt. In Wiesentheid werden die ersten drei Kinder geboren, nach dem Umzug nach Hattenheim am Rhein weitere drei - darunter Hermann. Nach einem weiteren Umzug lebt die Familie in einer Dienstwohnung im Seitenflügel der Würzburger Residenz. Dort stirbt Franz Xaver im Alter von 51 Jahren.

Hermanns Brüder Karl und Max fallen im Ersten Weltkrieg. Nach dem Verlust von Mann und Söhnen trägt Juliane 40 Jahre lang Schwarz. Ihre Tochter Hedwig zieht mit ihrem Mann, einem Arzt, nach Thüringen. Doch der Gatte betrügt sie mit der Sprechstundenhilfe. Hedwig kehrt nach Würzburg zurück.

Juliane kommt im Bombenhagel auf Erding im April 1945 ums Leben - dabei war sie vor den Luftangriffen der Aliierten von Würzburg nach Erding geflohen.

Onkel Hermann

zahlt das Lehrgeld

Alle Hoffnungen der Familie liegen nun auf Hermann, der 1901 das Licht der Welt erblickte. Julianes Geschwister ermöglichen ihm den Besuch des Gymnasiums in Schäftlarn, doch seine Leistungen sind nicht gut. Der Bub wird von der Schule genommen und kommt bei einem Kaufmann in Vilsbiburg in die Lehre. Der Onkel zahlt das Lehrgeld. Danach arbeitet Hermann ein Jahr lang im Geschäft in Erding, ab 1920 besucht er das staatliche Textiltechnikum in Reutlingen, sammelt weitere Erfahrungen in Lübeck und Stuttgart. 1923 kehrt er heim.

Sein Onkel wurde als neuntes Kind von Max Ulrich und Katharina im Jahr 1870 geboren und ebenfalls auf den Namen Hermann getauft. Er führt das Geschäft zusammen mit Leni und Hedwig. Ihre Mutter Katharina hat ihnen das Haus Schrannenplatz 284, ein Grundstück am Stadtgraben samt Badehaus und - zur Eigenversorgung mit Heizmaterial - eine Mooswiese vermacht. Das Sortiment ist jetzt sehr umfangreich: Die Firma Kraus wirbt fürLodenkrägen, Pferdedecken, Zigarren, Zigaretten, Instrumentensaiten, Jagdmunition. Sogar Leichenausstattungsartikel gibt es. "Diesen krisensicheren Bereich haben wir 1966 aufgegeben", erzählt Hermann Kraus.

Sein Großonkel bleibt wie seine beiden Schwestern unverheiratet. Doch auch er engagiert sich stark in der Öffentlichkeit. 1915 wird er in den Stadtrat gewählt. Natürlich ist er bei der Feuerwehr. Er stirbt 1923. Die 1872 geborene Hedwig ist seit ihrem 15. Lebensjahr im Geschäft des Vaters und wird 79 Jahre alt. Auch Leni feiert noch ihren 70. Geburststag (1935), obwohl sie unter den Folgen eines Schlaganfalles leidet.

1905 kaufen die Geschwister das Nachbaranwesen in der Friedrich-Fischer-Straße, zwei Jahres später werden das Stamm- und das Nebenhaus umgebaut. Sie bekommen ihr heutiges Gesicht. 1938 werden die Schaufenster modernisiert. Da ist der Neffe Hermann bereits seit einem Jahr Teilhaber. Auch er bekleidet zahlreiche öffentliche Ämter - und ist bei der Feuerwehr. Beim alten Bier lernt er an einem Stephani-Tag Leni Billmeier kennen und lieben. Als sie heiraten, ist er 39, sie 31 Jahre alt. 1941 kommt der Sohn Max Ulrich, 1944 Hermann zur Welt.

Letzterer verschweigt auch nicht die Verwicklungen seines Vaters im Zweiten Weltkrieg, die Hermann sen. für 22 Monate ins Internierungslager bringen. Er wird irrtümlich für eine Führungskraft der Nazis gehalten, weil er Kreishandelswalter bei der Deutschen Arbeiterfront wurde. Aus dieser Erfahrung habe sein Vater nach 1945 grundsätzlich kein Spitzenamt mehr angenommen, erklärt Hermann Kraus jun.

Beim Bombenangriff von 1945 wird auch das Kraussche Haus getroffen. Erst ab 1949 gibt es Baumaterial für den Wiederaufbau. Rudi Marschall verwaltet das Anwesen treuhänderisch. Die eingeheiratete Leni Kraus führt mit Tante Hedwig das Geschäft.

Bei der Feier "125 Jahre Kraus" im Jahre 1957 gibt es noch eine Herrenabteilung. Die gesamte Ware ist säuberlich zusammengelegt, Selbstbedienung gibt es nicht.

Als Hermann Kraus sen. 1958 nach zwei Herzinfarkten stirbt, sind die Söhne 15 und 17 Jahre alt. Die Weiterentwicklung des Geschäftes ist für einige Jahre blockiert. 1974 übernimmt Hermann Kraus jun. das Anwesen.

Hermann Kraus` Vortrag kann man am 19. Januar bei einer Veranstaltung des Historischen Vereins noch einmal hören. Begleitet wird er von zahlreichen Dias, die Erika, Veronika und Jürgen Beil für Kraus aufbereitet haben.

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