Prototypen in geheimer "Forschungsanstalt" entwickelt

- Drittes Reich: Die Rüstungsfirma Messerschmitt in Oberammergau

VON ISABELL BLÖCHL Oberammergau - Oktober 1943. Augsburg, der Hauptsitz der Messerschmitt-Werke, wird in Schutt und Asche bombardiert. Die Entwicklungsabteilung des größten deutschen Rüstungsunternehmens muss nach Oberammergau verlegt werden. Hier in der "Oberbayerischen Forschungsanstalt" bauen Experten den erste Strahljäger der Welt. Heinrich Blöchl war damals Ingenieur bei Messerschmitt. Während eines Besuchs erinnert er sich an seine Arbeit im Passionsdorf.

"Messerschmitt in Oberammergau, 1943 - 1945" steht auf einem der beiden Ordner, die Gemeindearchivar Helmut Klinner auf dem Tisch ausgebreitet hat. Aus einem Umschlag holt er ein vergilbtes Foto und hält es Heinrich Blöchl hin. Der rüstige alte Mann nimmt es in die Hand. "Ja, das war die Kaserne. Ja, so sah das damals aus."

Stadt in Schutt und Asche gelegt

Damals, das ist im Oktober 1943. Der 22-jährige Heinrich Blöchl steht vor dem Tor der Gebirgsjäger-Kaserne in Oberammergau. Er kommt gerade aus Augsburg. Die Amerikaner und Engländer haben die Stadt in Schutt und Asche gelegt - auch die Messerschmitt-Werke, wo Blöchl als Konstruktionsingenieur arbeitet. Die Entwicklungsabteilung von Messerschmitt wird nach Oberammergau verlagert. Blöchl ist einer der ersten Ingenieure, die ankommen. Er zieht in ein Zimmer im Ettaler Hotel "Post".

Klinner breitet einen Lageplan der Kaserne auf dem Tisch aus: Lauter kleine nummerierte Rechtecke. Blöchl orientiert sich kurz, dann zeigt er auf einen Gebäudegrundriss am Rande der Anlage. "Das war das Konstruktionsbüro." Dort sitzt der junge Blöchl den ganzen Tag über Plänen von Flugzeugtragflächen. "Wir haben nur gearbeitet. Alle vier Wochen sonntags durften wir nach Augsburg fahren." Die Einheimischen haben wenig Kontakt mit den Ingenieuren. Sie sind misstrauisch. Es ist ein offenes Geheimnis, welche wichtige Rüstungsfirma unter dem Decknamen "Oberbayerische Forschungsanstalt" in die ehemalige Gebirgsjäger-Kaserne gezogen ist. Die Oberammergauer haben Angst, dass ihr kleines Dorf Ziel feindlicher Bomberangriffe werden könnte.

Die Befürchtungen sind nicht unbegründet. Mit der Entwicklungsabteilung sitzen die wichtigsten Leute von Messerschmitt in Oberammergau, sogar Willy Messerschmitt selber. Die alliierten Geheimdienste sind darauf angesetzt, die Forschungsabteilung zu lokalisieren. Besonders an den Plänen für die ME 262 sind sie interessiert, dem ersten einsatzfähigen Strahljäger der Welt. Er kann rund 200 Stundenkilometer schneller fliegen als das leistungsfähigste Propellerflugzeug, Spitzengeschwindigkeit 870 Stundenkilometer. Damit ist die ME 262 den gegnerischen Flugzeugen weit überlegen. "Was sie neben dem Antrieb nochmals schneller machte, waren die Tragflächen. Wir haben ihnen nicht mehr die Form einer Feder gegeben, sondern haben sie symmetrisch gemacht", erklärt Blöchl.

Südlich von der Kaserne ist auf der Karte ein weiterer Grundriss eingezeichnet. Es ist eine künstliche unterirdische Stollenanlage, Maße 150 mal 90 Meter, mit vier Eingängen - der Messersschmitt-Stollen, zwei Jahre lang Arbeitsstätte der Entwickler der Messerschmitt-Werke.

Blöchl will sich anschauen, was noch von ihm übrig ist. Er fährt mit dem Auto bis zu einem kleinen Feldweg hinter der Kaserne. In etwa hundert Meter Entfernung ragt eine Felswand auf. Dorthin muss man sich durch jede Menge Gestrüpp kämpfen. Auf den ersten Blick erkennt man nur Felsgestein. Doch bei genauerem Hinsehen wird eine Mauer sichtbar. Da muss ein Eingang gewesen sein.

"Als Kinder haben wir hier noch drin gespielt", erzählt Richard Heigl aus Ettal. "Doch dann haben sie die Eingänge zugesprengt und vermauert." Heigl, der sich mittlerweile als Historiker auch wissenschaftlich mit den "Messerschmittlern" befasst, glaubt, dass der kleinere östliche Teil vor allem als Luftschutzraum und der westliche Teil für Werkstätten und Teile des Versuchsbaus gedacht war. "Ganze Flugzeuge passten hier aber nicht rein, dafür waren die Ausgänge zu eng", so Heigl. Der ehemalige Messerschmitt-Ingenieur Blöchl muss ihn da allerdings korrigieren. "Bei Luftalarm wurden die Prototypen in dem Stollen versteckt. Dazu wurden die Tragflächen einfach vor dem Höhleneingang abmontiert. Die Rümpfe passten schon durch die Tore."

Es gibt häufig Luftalarm. Die Alliierten fliegen fast täglich über den kleinen Bergort. Doch keine einzige Bombe fällt. "Sie haben vielleicht etwas vermutet, gewusst jedoch nichts", schätzt Heigl. Ehemalige Messerschmitt-Mitarbeiter sehen das anders. "Die Amerikaner wollten unsere Ergebnisse haben. Sie wollten sie nicht zerstören", so Blöchl. Tatsächlich waren die Geheimdienste Messerschmitt auf der Spur. "Einige Leute im Werk waren für ihre Jobs viel zu gut ausgebildet. Das hat mich immer stutzig gemacht", erinnert sich der frühere Messerschmitt-Ingenieur Alfons Späth. "Nach dem Krieg hat sich dann herausgestellt, dass sie Spitzel waren."

Für diese Theorie sprechen weitere Indizien. Als die Amerikaner im April 1945 Oberammergau einnehmen, marschieren sie zielstrebig auf die Kaserne zu. Dort verhören sie die Techniker und Ingenieure. Es geht dabei nur um technische Details. Die Mitarbeiter des Projektbüros geben bereitwillig Auskunft: Sie gehen davon aus, dass sie ihre Erfindungen einfach weiterentwickeln können. "Willy Messerschmitt wollte sogar sofort bei den Amerikanern anfangen", berichtet Heigl von seinen Forschungsergebnissen.

Flugzeug in einer Höhle gefunden

Ein Foto dokumentiert die Übernahme der "Oberbayrischen Forschungsanstalt". Archivar Klinner hält es Heinrich Blöchl hin. Ein GI posiert neben einer Maschine, im Hintergrund die Felswand. "Ja, die Maschine kenne ich", sagt der alte Mann, hält sich das Foto noch näher an die Augen. "Das ist die P 1101." Die Amerikaner haben das Flugzeug in der Höhle gefunden. Es handelt sich um den Prototyp einer Maschine, bei der man die Flügelpfeilung verstellen kann, eine Weiterentwicklung der ME 262. Das Flugzeug ist zu diesem Zeitpunkt schon zu 80 Prozent fertig. Die Amerikaner sind auf einen Schatz gestoßen. Mit der P 1101 als Vorlage konstruieren sie die Bell X-5, das erste Flugzeug, das während des Fluges die Flügel verstellen kann.

Bei niedrigen Geschwindigkeiten werden sie weit ausgestreckt, um mehr Auftrieb zu erreichen, bei hohen Geschwindigkeiten angelegt, weil so die Maschine manövrierfähiger wird. Heutzutage sind diese beweglichen Flügel - auch Schwenkflügel genannt - Standard bei vielen Flugzeugen, die Überschall fliegen, etwa dem Tornado. Die Ingenieure bei Messerschmitt haben Pionierarbeit geleistet. Heinrich Blöchl fährt mit dem Finger an der Tragfläche entlang. "An solchen Schwenkflügeln habe ich auch mitkonstruiert", sagt er beiläufig und schiebt das Foto wieder vorsichtig in seine Hülle.

Die Autorin dieses Artikels, Isabell Blöchl, (23) ist die Enkelin von Heinrich Blöchl (81). Sie arbeitet als freie Journalistin in Köln.

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