Das Rätsel um die Tote aus dem Moos

- VON BIRGIT FRANK Dachau - Ein spärlich beleuchteter Raum, der Blick fällt auf einen großen Schaukasten mit archäologischen Fundstücken. In der linken Ecke steht ein weiterer, kleinerer Schaukasten - doch darin ist hinter Glas eines der Aufsehen erregendsten Ausstellungsobjekte der Archäologischen Staatssammlung in München ausgestellt: "die Tote aus dem Dachauer Moos". So nennen Mitarbeiter die Moorleiche, die seit 1977 in der Staatssammlung zu sehen ist. <BR>

Ihre Haut ist hart und schwarz, die Haare sind zu Zöpfen geflochten. Kopf und Torso des Leichnams sind auffallend klein, die Beine fehlen. Die junge Frau starb vor ungefähr 500 Jahren im Moor. Genauer gesagt: im Dachauer Moos.<P>Furchen am Körper: Sie war gefesselt <P>Die Moorleiche ist voller Rätsel - wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse gibt es nur wenige. Anhand ihrer Zähne konnte festgestellt werden, dass die Frau zum Zeitpunkt ihres Todes ungefähr 20 Jahre alt war. Warum sie so jung sterben musste, ist allerdings unklar. Wissenschaftler vermuten aber, dass die Frau eines gewaltsamen Todes gestorben ist: Furchen am Körper deuten darauf hin, dass sie gefesselt war. <P>Untersuchungen zufolge hat die Frau im 15. oder 16. Jahrhundert, spätestens jedoch während des 30-jährigen Krieges gelebt. Durch Sauerstoffabschluss und Moorsäuren wurde der Leichnam im Moor über Jahrhunderte konserviert.<P>Die dichten Haare der Toten sind durch den Einfluss der Moorsäure rötlich gefärbt. Besonders auffällig ist die komplizierte Frisur: Das Haar ist zu zwei Zöpfen geflochten, die miteinander verknüpft, an den Enden umgeschlagen und dort mehrmals mit einem Wollfaden umwickelt sind. Die Zähne der jungen Frau seien vollkommen kariesfrei, so Dr. Andrea Lorentzen von der Archäologischen Staatssammlung. <P>Die Leiche wurde im 19. Jahrhundert gefunden, wie und von wem ist aber nicht bekannt. Nicht selten wurden Moorleichen zufällig beim Torfstechen entdeckt, weiß Lorentzen. Warum die Tote keine Beine mehr hat, kann sie allerdings nicht erklären. Denn aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg gibt es nur sehr wenige Informationen über den Verbleib der Moorleiche.<P>Sicher ist nur so viel: Nach ihrem Fund im Dachauer Moos war die Leiche einige Zeit in der Anatomischen Anstalt der Universität München in der Pettenkoferstraße verwahrt. Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg bombardiert und die Leiche der jungen Frau unter Trümmerschutt begraben. Nachdem sie unter dem Schutt wieder aufgefunden wurde, hat man sie gereinigt und "an die Sonne zur Trocknung gelegt", schreibt Lorentzen in einer Abhandlung über die Moorleiche. <P>Makabre Verwechslung: Moorleiche als Bombenopfer <P>Dann kam es zu einer makabren Verwechslung: Bauarbeiter hielten die Moorleiche für ein Bombenopfer und begruben sie. Letztendlich wurde die Tote jedoch "endgültig sichergestellt". Seit 1977 befindet sie sich in der Staatssammlung in München.<P>Die Moorleiche ist in München nur von hinten zu sehen, da das Gesicht der Toten zerstört ist, so Lorentzen. Die schwarze Farbe des Körpers kann durch das Moor selbst oder auch erst später bei die Bombardierung, aber auch durch Oxidation entstanden sein. Dr. Andrea Lorentzen ist sich jedenfalls sicher: "Als sie aus der Erde kam, hat sie sicherlich anders ausgesehen als jetzt."<P>Durch nähere Untersuchungen mit neuen wissenschaftlichen Methoden könnten wohl viele offene Fragen über die Tote beantwortet werden. Momentan sind solche Untersuchungen aber nicht geplant. Und bis dahin ranken sich noch viele Geheimnisse um das Schicksal der jungen Frau aus dem Dachauer Moos.<P>

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