Schauspieler entführt in entlegene Winkel

- Drahtseilakt der Lesung gelingt

VON WERNER DREHER Fürstenfeldbruck - In einen entlegenen, wenig erschlossenen Winkel großer Literatur führte ein spannender Theatermonolog des jungen Schauspielers Ulrich Walljasper im Kulturcafé von Haus 10. Er selbst bearbeitete den Roman "Meine Freunde" aus der Feder eines bedeutenden Vertreters der französischen Moderne, Emmanuel Bove (1898-1945), für die Bühne.

Das Werk des nahezu in Vergessenheit geratenen Schriftstellers übersetzte Peter Handke in den siebziger Jahren ins Deutsche. Walljasper schlüpft in der Bühnenfassung in die Rolle des Ich-Erzählers Victor Baton. "Victor" der Sieger und "Baton" der Stock: Schon der Name verweist auf die Brüchigkeit des Daseins, auf das ohnmächtige Gleiten zwischen Tag und Tod. Emmanuel Bove, von Colette entdeckt und von Rilke und Beckett geschätzt, sah sich in seinem eigenen Leben dafür geschaffen, allein zu leben, aber unfähig, allein zu bleiben. Im gleichen Dilemma steckt sein Protagonist Baton. Aus der Abfolge großer Gesten und zerstörerischer Affekte entsteht eine mikroskopisch genaue Aufzeichnung der Windungen und Wendungen des Lebens. Unter der Regie von Georg Kistner räsoniert, bohrt, dehnt und krümmt sich Walljasper in die Bove`sche Analyse menschlicher Verhaltensweisen hinein.

Baton durchläuft wechselvolle Passagen

Sein Baton durchmisst wechselvolle Passagen auf dem Weg langsamen, qualvollen Scheiterns. Im Wechselspiel von Einsicht und Unverstand, Bedachtsamkeit und Getriebenheit offenbart sich ein Geflecht abgründiger Beziehungen. Detailgenau und vorlagengetreu vollführt Walljasper jenen kleinen virtuosen Akt, den Bove seinen Figuren und sich selbst abverlangte. Erfreulich und anregend also die Begegnung mit Ulrich Walljasper und Emmanuel Bove - einzig getrübt durch die traurige Tatsache, dass die spärlichen Besucher im "Kulturcafé" nicht einmal zwei Stuhlreihen füllten und sogar das Stammpublikum ausblieb.

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