Ein zu Staub zerfallendes Wahrzeichen

- Penzberg – Die Hoffnungen der Bergleute ruhen vor 40 Jahren auf einem neuen, modernen Kohle-Kraftwerk. Es soll die Penzberger Grube vor der Schließung bewahren, wird aber nie gebaut. Allerdings besteht schon damals in Penzberg ein Kraftwerk. Dessen Richtfest wird 1950 mit weihevollen Worten gefeiert: „Dieses Kraftwerk ist das imposanteste und kostspieligste Werk, das die Bundesbahn in Deutschland gebaut hat.“

von wolfgang schörner

Doch 20 Jahre später stellt es den Betrieb wieder ein. In der kurzen Zeit sind dort 30 bis 40 Prozent der im Penzberger Bergwerk geförderten Kohle in Strom umwandelt worden. Die Bahn hat das Kraftwerk zwar gebaut, Teile wie das Kesselhaus betreibt aber die Oberkohle-Aktiengesellschaft, Eigentümerin des Bergwerks.

Heute ist der größte Teil des imposanten Komplexes verschwunden. Geblieben sind nur die mächtige Maschinenhalle und das Pumpwerk mit seinem hohen Turm. Die Maschinenhalle, in der einst die Turbinen standen, ragt im heutigen Gewerbegebiet „Grube“ 20 Meter in die Höhe. Durch riesige Fenster fällt Licht in die 3000 Quadratmeter große, ungeheizte Halle. „Gebrauchte Lokomotiven werden hier modernisiert, verkauft und vermietet“, so das Ehepaar Lazarevic. Deren Firma Layritz hat 1973 das gesamte Kraftwerk-Gelände erworben.

K Letzte Zeugen in Penzberg-Maxkron

Das andere Überbleibsel des Kraftwerks zerfällt nach und nach 1,6 Kilometer entfernt im Ortsteil Maxkron: das Pumpwerk, das einst Kühlwasser von der Loisach zum Kraftwerk gepumpt hat. Auch dieses Gebäude ist in Privatbesitz. Kürzlich lag dem Bauausschuss ein Antrag vor, daraus eine Ausstellungshalle für Oldtimer zu machen.

Die Idee für das Kraftwerk reicht in die 30er Jahre zurück. Während die Oberkohle ihren Absatz sichern will, braucht die Reichsbahn Strom für eine geplante Stadt- und Untergrundbahn in München. Im Frühjahr 1942 beginnen die Erdarbeiten, die Betonplatte wird gegossen. Doch wegen des Krieges wird der Bau wieder eingestellt. Im November 1944 treffen Fliegerbomben das Baustellen-Gelände.

K Bahn-Kraftwerk geht 1951 in Betrieb

Nach dem Krieg geht es weiter, begleitet von schwierigen Verhandlungen zwischen Bahn und Oberkohle, die noch andauern, als das Kraftwerk schon arbeitet. Der Kocheler Albert Neudert, einst Lehrling im Kraftwerk, beschreibt dieses detailliert in seiner Kraftwerks-Dokumentation. Fast 700 Arbeiter aus 58 Firmen seien beim Höchststand der Arbeiten auf der Baustelle beschäftigt gewesen. Am 30. Januar 1951 geht das 39 Millionen Mark teure Kraftwerk in Betrieb.

Georg Kapfer, heute 65, ist damals Elektroinstallateur-Lehrling im Kraftwerk. „Man war froh, eine Lehrstelle bekommen zu haben“, sagt er. 1955 seien vier von 60 Bewerbern genommen worden. Darunter ist auch der gebürtige Penzberger Horst Beisl, der später Maler und Wissenschaftler wurde und beim Staatsinstitut für Frühpädagogik in München arbeitete. „Das Kraftwerk hat mir dafür offenbar genug Strom gegeben“, scherzt er.

Strom liefert das Kraftwerk aber nur bis 1971. Dessen Schicksal wird durch das Ende des Bergwerks 1966 besiegelt. Das Kraftwerk wird noch bis Oktober 1968 mit Haldenbeständen aus dem Penzberger Bergwerk (rund 280 000 Tonnen) betrieben, bis April 1971 mit Kohle aus Peißenberg und dem Saarland. Am 30. April 1971, so Albert Neudert, werden die verbliebenen rund 80 Beschäftigten entlassen und in anderen Betrieben der Bundesbahn untergebracht.

K 1979 fällt der 98 Meter hohe Kamin

Was folgt, ist der Abbruch: Im Oktober 1978 ist das 30 Meter hohe Kesselhaus an der Reihe, im Februar 1979 der 98 Meter hohe Kamin. Es ist ein Samstag. Tausende Schaulustige verfolgen die Sprengung des Kamins, eines der Wahrzeichen Penzbergs. 40 Kilogramm Sprengstoff sind nötig. Die Zeitung schreibt: „Nach rund 125 Jahren ist Penzberg erstmals ohne Kamin.“

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