Unsterblich durch einen Schuss in den Rücken

- 125. Todestag des legendären Wildschützen Georg Jennerwein

GTEXT=VON DR. MICHAEL HEIM Schliersee - Um sich dem Phänomen Jennerwein anzunähern, müsste man zuerst nach der Grabstätte des herzoglichen Jägers Kaspar Grimm fragen. Grimm starb 1917 in Erfüllung seiner Pflicht: Er hatte am Roß- und Buchstein Wilderer aus dem Isartal gestellt, die ihn erwürgten und in einem Bachbett verscharrten. Kaum jemand im Oberland kennt Kaspar Grimm, den stillen Helden; auch nicht in Schliersee, seinem Begräbnisort. Ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt, auf dem Westenhofener Friedhof, liegt das Grab des Wildschützen Jennerwein. Und das ist das Phänomen: Jennerwein war ein arbeitsscheuer Weiberheld, ein Aufschneider, der von der Wilddieberei lebte. Aber seine Grabstätte (oder was dafür gehalten wird) - es ist kein Geheimnis, dass Jennerweins Leichnam nicht in diesem Grab liegt - ist bis in unsere Tage Pilgerstätte. Jährlich kommen Hunderte von Jennerwein-Verehrern zum Westenhofener Friedhof. Das Phänomen will nicht sterben: Mit dem Märchenkönig Ludwig verbindet den Wildschützen Georg Jennerwein, der am 6. November 1877 von dem Jagdgehilfen Pföderl von hinten erschossen wurde, ein eigenartiger Prozess. Dass der Monarch geistig umnachtet und Jennerwein kriminell war, wird vergessen. Ein Idol entsteht, und dies lässt sich nur durch das Zusammentreffen mehrerer Umstände erklären: Es sind der klangvolle Name, das Jennerwein-Lied und die Bühnenstücke, es ist der Zufall, dass Fotografien existieren und Jennerweins Gesicht nicht vergessen werden kann, die nach vorn gestellte Spielhahnfeder über dem Schnurrbart - und es ist vor allem der Schuss in den Rücken, der ihn unsterblich macht, weil er damit zum Symbol der Freiheit wird, die Schiller in den Bergen geortet zu haben glaubt. "Jennerwein", ein Bühnenstück des Lebens ...

Die Zeit

Nach den Protokollen des ehemaligen Forstamtes Tegernsee, die in der Ära Jennerwein alle Zusammenstöße zwischen Wilderern und Jägern in den Tegernseer Bergen registrierten, war der Wilde Westen eine vergleichsweise friedliche Gegend. Neben einheimischen Wilderern jagten in den Schlierseer, Tegernseer und Kreuther Revieren auch Wildschützen aus Tirol (vor allem Brandenberg) und dem Isartal. Sie traten in Banden bis zu zehn oder 15 Mann offen gegen die zwei oder drei Jagdgehilfen auf, die ein Revier bewachen sollten - und sie konnten zuschlagen, wann und wo sie wollten. Bei "harten Begegnungen" wurde, vermutlich von beiden Seiten, oft ohne Anruf geschossen. Der G`schwinder blieb der G`sünder, weil bis zur Einführung des Schwenkgewehres (Vorgänger des doppelläufigen Stutzens) die erste Kugel aus dem Vorderlader entschied.

Die Tegernseer Akten enthalten zwar den Stoff, aus dem die Heimatromane sind. In Wirklichkeit spiegeln sie aber eine Welt der Exzesse, Provokationen und Brutalitäten wider. Der Tegernseer Jäger Rappl, dem Wilderer mit gehacktem Schrot die Hände durchschossen, gibt zu Protokoll: "Einer der Schützen schrie, schiaßts`n nieda, den Hund, der muaß hi sei, der derf nit mehr hoam ..." Und in einem anonymen "Ladschreiben", mit einem Bleistift auf einen Zettel niedergeschrieben, werden zwei Schlierseer Jäger zu ihrer eigenen Hinrichtung gebeten: "Wenn ihr a Schneid habts, so kimmts am Sonntag bei da Nacht auf den Kreuzberg, dann sollt ihr euren Lohn empfangen. Ihr werdets zwischen zwei Bäume gehenkt und mit einem Messer am ganzen Leib gestupft und so müßt ihr hin werden ihr Bluatsmenschen!" Noch im November 1976, zum 99. Todestag, hängten Unbekannte eine gewilderte Gams an das Jennerwein-Kreuz auf dem Westenhofener Friedhof, mit einem Zettel: "Zum 100. werd`s a Jaga!"

Der Schauplatz

"Peißenberg", wo Jennerwein erschossen wurde, ist eine Flurbezeichnung für die nördlichen Ausläufer der Bodenschneid (Wasserspitz). Das Marterl auf dem Grat markiert, den Touristen zuliebe, eine nahe gelegene, aber falsche Stelle. Jennerwein verblutete auf einem Felsvorsprung im Schwarzenholzeck, in 1100 Metern Höhe. Die Provokation

Für den Hass, mit dem Pföderl nach der Überlieferung den Jennerwein verfolgte, gibt es neben dem Kampf ums Agerl, die Sennerin, noch ein Motiv - eine für den Jagdgehilfen katastrophale Begegnung mit Jennerwein auf dem Holzhackerball im Gasthof "Glasl" in Oberach im Frühjahr 1877. Jennerwein soll vor der Festversammlung auf Pföderl zugegangen sein, ihm mit seinem Gamsbart quer über das Gesicht gestrichen und gesagt haben: "Siehgst Pföderl, söllers Kraut wachst in dein Garten, aber brocka tua`s i!" Die Tat

Am Leonharditag, 6. November 1877, viertel vor Zehn, vernehmen Bauern einen Schuss, der am Peißenberg abgegeben wurde. Kurz vor ein Uhr fallen in kurzem Abstand nochmals zwei Schüsse. Am 13. November finden Schlierseer Burschen am Peißenberg den erschossenen Jennerwein. In Abeles Wildschützenbuch heißt es: "Die Leiche bot einen entsetzlichen Anblick. Der rechte Fuß war unbekleidet, Schuh und Strümpfe waren ausgezogen und lagen daneben. Die große Zehe war in den Abzugsbügel des Gewehrs geklemmt, dessen Lauf auf das Gesicht gerichtet war ... Der Unterkiefer war zerschmettert." Die Rekonstruktion

Jennerwein war vermutlich schon vor Tagesanbruch in das zerklüftete Gelände eingestiegen und wartete in einem Graben des Schwarzenholzecks auf Gemsen, wobei er freien Blick auf das königliche Forsthaus (heute Café Angermaier) hatte. Pföderl, der für den Jagdgast und Dichter Kobell einen Gamsbock auswählen sollte, näherte sich dem Schwarzenholzeck. These 1 lautet: Beide stehen sich plötzlich gegenüber. Jennerwein, der Pföderl noch im Forsthaus glaubte, springt im Reflex zurück und dreht sich um. Pföderl, gleichfalls im Reflex, schießt ihm in den Rücken und läuft in Panik ins Forsthaus zurück. Nach einem Gespräch mit Forstwart Mayr, dessen Inhalt nie bekannt wurde, kehrt Pföderl laut These 2 zurück und versetzt Jennerwein mit dem Gewehr des Wildschützen mindestens einen Kopfschuss, um Selbstmord vorzutäuschen. Der Prozess

Der königliche Staatsanwalt am Schwurgericht von Oberbayern legt im Prozess gegen Pföderl am 25. November 1878 den Geschworenen vier Fragen vor (Wortlaut nach einer Abschrift im Tegernseer Forstamt): "Erstens hat Pföderl den Holzarbeiter Jennerwein, nachdem er demselben vorher mit einer aus seinem Schießgewehr abgefeuerten Kugel die linke Brust und Lunge durchbohrt hatte, vorsätzlich und rechtswidrig, doch ohne Überlegung bei Ausführung der Tat dadurch getötet ..., dass er mit einem oder zweien aus Jennerweins eigenem zweiläufigen Gewehre abgefeuerten Kugelladungen demselben dan Kopf zerschmetterte und hierdurch dessen sofort eintretenden Tod verursacht? Wird Frage Eins bejaht, so ist zu beantworten Zweitens, sind mildernde Umstände vorhanden?

Wird Frage Eins verneint, so ist zu beantworten Drittens, hat Pföderl den Holzarbeiter Jennerwein vorsätzlich und rechtswidrig jedoch ohne Absicht zu töten, mit einer aus seinem Schießgewehre abgefeuerten Kugel die linke Brust und Lunge durchbohrt, infolge welcher Verletzung alsbald der Tod des Georg Jennerwein eintrat? Wird Frage Drei bejaht, so ist zu beantworten Viertens, sind mildernde Umstände vorhanden? Die Geschworenen entscheiden: Frage Eins: Nein; Frage Zwei: Entfällt; Frage Drei: Ja, jedoch ohne Folge des Todes; Frage Vier: Ja."

Im Namen des Königs wird Pföderl wegen "Vergehens der Körperverletzung" zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Der Jagdgehilfe, nach dem Prozess versetzt, ergibt sich in der Waldeinsamkeit der Valepp dem Alkohol und stirbt, wie der Tegernseer Steinmetz Wackersberger berichtet, während eines Gewitters im Tegernseer Krankenhaus. Als ein Blitz einschlug, sei er aus dem Kissen hochgefahren, habe nach dem Teufel geschrien und sei entseelt zurückgesunken.

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