"Vater unser" überrascht in neuem Gewand

- Valley: Orgelkonzert mit Uraufführung von Karl Gertis` Gebetsintonation

Valley (oe) - Mal erklingt eine tänzelnde Hommage an die bayerische Folklore, mal eine düstere Orgie der Disharmonie, um sich schließlich in feierlichem Wohlgefallen und triumphaler Melodik aufzulösen: Wie eine Collage aus verschiedenen Epochen und Regionen wirken die Werke von Karl Gertis, der mit dieser großen Bandbreite an Stilmitteln spannungsvolle Effekte schafft. Neben der Orgelsuite F-H-G und dem "Ave Maria" erlebten die Besucher des Konzerts in der Zollinger Halle in Vallley auch die Uraufführung des in deutscher Sprache vertonten "Vater Unser".

Edvard Munchs Bild "Der Schrei" habe ihn zu einer überraschenden Zäsur des Werks inspiriert, erklärte der Komponist bei seiner Einführung zu dem expressiven und konzeptionellen Werk für Orgel, Alt und Sopran. Denn nach den zwischen schwebender Harmonie und bedrohlichen Spannungshöhepunkten schwankenden Textpassagen bis "Erlöse uns von dem Bösen" begann ein dem oberbayerischen Brauchtum entlehnter und bis zur beklemmenden Unkenntlichkeit entstellter "Hungerwalzer" zu "Unser tägliches Brot gib uns heute". Nach einer Passage aufmunternder Harmonie folgte schließlich ein furioser Triumphmarsch, der die exzessiven Stimmungsschwankungen des Gebets im physisch erlebbaren Tosen der monumentalen Akkorde ad absurdum führte. Anna-Maria Greindl (Sopran) und Edeltraud Knabel (Alt) intonierten die anspruchsvollen Textpassagen mit viel Vibrato und individuellem Ausdruck, was die expressionistischen Züge des Stücks voll zur Geltung brachte.

Auch beim "Ave Maria" glänzten Anna-Maria Greindl und Alexander Pointner an der Orgel mit enormen dramaturgischen Kontrasten. Äußerst wirkungsvoll gestaltete sich die eingängige, fast schlagerartige Melodie zu "Santa Maria Madre Dei" im Kontext der ansonsten von dynamischen Quantensprüngen zwischen Forte und Pianissimo bestimmten Struktur des Werks. Höhepunkte der emotionalen Wallungen bildeten die zwischen den Textpassagen eingestreuten hektischen Tonfolgen, die in voller Lautstärke wie massive Gesteinsbrocken von den Orgelpfeifen auf die Zuhörerreihen herabzudonnern schienen. Hier wurden die Töne aus der Steinmeyer-Orgel physisch erlebbar, zumal die Akustik der Zollinger Halle auch dreidimensionale Sprünge zwischen hohen und tiefsten Frequenzen wiederzugeben vermochte.

Wie ein Lehrstück der Lautmalerei wirkte die Orgelsuite F-H-G, op. 70 mit ihren vielen Dialogen und scharfen Schnittkanten der einzelnen Themen. Was in Satz eins und zwei meisterliche, nahezu visualisierende Eindrücke verschiedener Charaktere vermittelte, hatte allerdings im dritten Satz wenigstens an Überraschungswert verloren. Allzu oft wurde der Quantensprung zwischen Piano und Fortissimo ausgereizt. Versöhnlich dagegen erklang das Finale im Epilog des vierten Satzes, der in leisen, unerwartet harmonischen Akkorden ausklang wie der letzte Hauch am Ende eines Wirbelsturms.

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