"Vom Skilauf total infiziert"

- Eschenloher Marker-Sicherheitsbindung wird heuer 50 Jahre alt

VON HANS MORITZ Eschenlohe - Der alpine Skilauf ist heute weltweit sicherer denn je. Ausgefeilte Technik in den Bindungen sorgt dafür, dass sich der Ski bei einem Sturz löst. Viele Knochenbrüche werden damit verhindert. Dieser Komfort wurde im Werdenfelser Land aus der Taufe gehoben. 1952 war es, als ausgerechnet ein Berliner, Hannes Marker, die erste Sicherheitsbindung auf den Markt brachte. 50 Jahre sind seither vergangen. Marker hat mit seinen Modellen nicht nur Ski-, sondern auch Technik- und Designgeschichte geschrieben - von zahllosen Erfolgen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Winterspielen ganz zu schweigen.

Die Wiege der Marker-Sicherheitsbindung stand Mitte der 30er-Jahre des vorigen Jahrhunderts auf einem Dachboden in Berlin-Kreuzberg. Dort entdeckte Marker 19-jährig ein paar uralte Schwartlinge seiner Schwester Toni. Mit Straßenschuhen schlüpfte Marker in die antiquierte Bindung und kurvte zu Übungszwecken einen Hang bei Potsdam hinab.

Den nächste Schritt in Richtung Erfindergeist tat Marker ausgerechnet im Krieg, als "seine" 169. Brandenburgische Infanterie-Division nach Norwegen verlegt wurde. Die Einheit bezog nahe dem späteren Olympiaort Lillehammer Quartier. Dort bestand reichlich Gelegenheit skizufahren. Sogar Wettbewerbe hielten die Soldaten ab. "Ich war vom Skilaufen total infiziert", bekannte Marker später in seinen Erinnerungen.

Als der Krieg schließlich zu Ende war, gab es für Marker nur ein Ziel - die Berge über Garmisch-Partenkirchen. Hier legte er nicht nur die Prüfung zum staatlichen Skilehrer ab, sondern arbeitete auch als Sportreporter fürs Garmisch-Partenkirchner Tagblatt.

Anfang der 50er-Jahre begann Marker wieder mit dem Tüfteln an einer Skibindung. Hintergedanke war, den alpinen Skisport sicherer zu machen. "Ich war wie besessen von der Idee, eine Skibindung zu konstruieren, die in der Lage sein müsste, den härtesten Belastungen des Rennsports standzuhalten, und die es trotzdem schaffen sollte, bei einem Sturz und hier einsetzendem Drehimpuls auf das allzu oft brechende Schienbein des Läufers urplötzlich zu öffnen und somit den Fuß freizugeben", blickte der Vater der Sicherheitsbindung einst zurück.

Erste Modelle entstanden in Plastilin, der erste Prototyp gelang Marker anno 1951. Testläufe absolvierte der Erfinder auf dem nassen Gras des Kochelbergs. 1952 stellte Marker das Modell auf der ersten Sportartikel-Messe in Wiesbaden vor. Dort fand Marker am Stand des Murnauer Skiherstellers Hofbauer Platz für nur ein einziges Exponat. Im gleichen Jahr besuchte Marker die Frankfurter Herbstmesse. Die Presse interessierte sich brennend für die Erfindung des Wahl-Garmischers.

Doch bis zur Serienreife war es noch ein weiter und beschwerlicher Weg. Mit dem Oberammergauer Unternehmer Bierling war Marker übereingekommen, Bindungen in großem Stil zu montieren. Doch Bierling zog seine Zusage zurück, als ihm Marker eingestehen musste, nur 400 Vorbestellungen in der Tasche zu haben. Marker wollte alles hinschmeißen.

Für neuen Auftrieb sorgte schließlich Dr. Georg von Opel, Vorstandsvorsitzender des Reifenherstellers "Continental". Der animierte den Entmutigten: "Dann machen Sie`s doch selber." Von Opel stellte 20 000 Mark zur Verfügung. Der Industrielle sicherte sich im Gegenzug die Vertriebsrechte für die Schweiz und die USA.

Die Firma siedelte Marker ab 1952 in Garmisch-Partenkirchen an. Mit der "Duplex" wurde der Mythos geboren. Die erste Skibindung mit auslösendem Vorderbacken der Welt war aus der Taufe gehoben. 1953 kam die legendäre doppelgelenkige Marker Simplex Vorderbacken auf den Markt. Dieses Modell wurde über fünf Millionen mal verkauft. 1956 gab`s das erste Edelmetall auf der Sicherheitsbindung: Ossi Reichert holte bei den Olympischen Winterspielen in Cortina d` Ampezzo/Italien Gold.

Der nächste Meilenstein wurde 1980 gesetzt, und zwar mit der Gründung der Tochtergesellschaft "Marker USA" mit Sitz in Park City. Ein Jahr später wurde der Skilauf noch sicherer: Die "M 40-Serie" war geboren. Die Modelle verfügten über ein Präzisions-Viergelenksystem und Fersenautomat mit Sensomatic und integrierter, einziehbarer Skibremse. Gleichzeitig wurde Marker vom amerikanischen Ölmulti "Northwest Energy" erworben. Eine der Tochtergesellschaften war "Marker Deutschland". 1988 wurde der Firmensitz nach Eschenlohe verlagert. Dort entstand die weltgrößte und modernste Produktionsanlage.

Ende der 90er-Jahre drohte Marker das Aus. Amerika bezahlte Lieferungen nicht. In Eschenlohe drohte die Insolvenz. Schließlich sprang der Skihersteller Völkl aus Straubing ein. Zwar konnte die Pleite noch abgewendet werden. In der Folge geriet Marker aber immer wieder wegen Arbeitskämpfen und Auseinandersetzungen mit dem Betriebsrat in die Schlagzeilen. Künftig wird die Produktion in Tschechien stattfinden.

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