Weiterleben im Land der Täter

- Roman Haller portätiert in Lebensgeschichten das jüdische Nachkriegs-München

VON ROBERT ARSENSCHEK Der kleine Junge fiel auf. Jeden Sonntag stand er in aller Früh mit dem Ranzen an der Tram-Haltestelle, neben den Schichtarbeitern von BMW. "Heit gibt`s doch koa Schui", meinten die erstaunt. "Doch, heit is Schui", antwortete er. "Ja, wos iss`n des für a Schui?", fragten die Arbeiter. "Des is a jidische Schui." Und die hatte nur am Schabbat, dem Samstag, zu. "Wos, gibt`s des a?", hieß es dann. "Gehst Du in a Juden-Schui?"

Der "jüdische Bua" Rosenblum gehörte dazu

1946 war Zelig Rosenblum für die Milbertshofener eine Sensation. Bald grüßten ihn alle freundlich. Er gehörte dazu, auch weil er beim TSV Tischtennis und Fußball spielte. Später, um 1960, kickte er als Vertragsamateur für die Löwen, manchmal war er Reservist für die erste Mannschaft. Wenn Zelig Rosenblum heute ein Spiel sieht, bei dem Deutsche mitmachen, fiebert er mit ihnen. Er fühlt sich "integriert", sagt er, in Deutschland und in München.

Die Geschichte Zelig Rosenblums ist nur ein Stein im Mosaik des jüdischen Nachkriegs-München, das Roman Heller in seinem Buch porträtiert. Dreizehn Frauen und Männer hat er befragt. Deren Schicksale veranschaulichen, was es hieß, sich mit dem Leben im "Land der Täter" zu arrangieren. Die erzählten Erfahrungen zeigen auch, warum sich einige als "deutsche Juden" fühlen und manche als "Juden in Deutschland".

Irene Buchhalter empfindet anders als Rosenblum. "Wir haben in Deutschland zwischen Deutschen gelebt, aber nicht mit ihnen", erzählt sie. Und das sei auch heute noch so. München sollte für die gebürtige Polin und ihren Mann nur eine Fluchtetappe sein. Denn die meisten Juden, die nach 1945 aus ganz Europa in die vormalige "Hauptstadt der Bewegung" strömten, wollten nur eines: schnell weiter.

Doch Irene Buchhalter und ihr Mann blieben in München hängen - wegen Krankheiten. Bald betrieben sie einen Kiosk an der Triftstraße, dann übernahmen sie das "Schwabinger Nest" an der Leopoldstraße, wo die Boheme verkehrte. Als Jüdin, sagt Irene Buchhalter, habe sie nie "wirklich schlechte Erfahrungen gemacht". Und München habe ihr von Anfang an gefallen. Aber die deutsche Staatsangehörigkeit, das gibt sie zu, habe sie nur "aus Bequemlichkeit" angenommen.

Stück für Stück fügen sich beim Lesen der Geschichten die Konturen der Münchner jüdischen Gemeinde zusammen, die sich damals neu auszubilden begann. 8000 Angehörige - das erfährt man nur im Hörbuch - zählte die Gemeinde vor 1933. 84 überlebende Juden trafen die Amerikaner im April 1945 noch an. Im Frühjahr 1946 gab es schon wieder 2800 jüdische Bürger in München, die vor allem aus Osteuropa gekommen waren.

Wer in dem Buch ein wenig vor und zurück blättert, kann das aufkeimende gesellschaftliche Leben der Juden verfolgen. Dessen Fixpunkte kehren immer wieder: die Bogenhausener Möhlstraße als Schwarzmarkt und Nachrichtenbörse ist darunter, die Synagoge an der Reichenbachstraße, die jüdischen Schulen, aber auch der Herrenschneider Beitscher, ein "Franzojs", der fabelhafte Anzüge nähte. Es gab die Schwabinger Cafés in denen man sich traf, seit 1957 auch einen jüdischen Club namens "Maon Hanoar", in dem die jüdische Jugend sich kennen lernen sollte.

Denn die Münchner Juden wollten meist unter sich bleiben. Besonders die Kinder gerieten da oft zwischen zwei Welten. David Stopnitzer, der mit nicht-jüdischen Kameraden die Schulbank drückte, wurde zum Bäcker geschickt mit den Worten: "Geh` zum Mörder und hol` vier Semmeln."

Behutsam hat Autor Haller die Gespräche in Erzählungen verwandelt - auch wenn mitunter das Frageschema störend erkennbar wird. Eine vorzügliche Ergänzung zur Lektüre bietet das Hörbuch, eine Aufzeichnung eines brillanten Rundfunkbeitrags. Hier sind die Aussagen gut nachvollziehbar um einzelne Gesichtspunkte gruppiert. Und die Unmittelbarkeit des gesprochenen Wortes erreicht ohnehin kein Text.

Roman Haller: ". . . und bleiben wollte keiner". Jüdische Lebensgeschichten im Nachkriegsbayern, 172 Seiten, 12,80 Euro, ISBN: 3-935549-82-2; Hörbuch (CD), Laufzeit 53 Minuten, 9,80 Euro, ISBN: 3-935549-83-0.

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