Adelheid Lorenz: Die Küche war ihr Wohnzimmer

Schwabsoien - Sie ist mit Leib und Seele Wirtin. 28 Jahre führte Adelheid Lorenz den Gasthof Rössle im Ortskern von Schwabsoien, seit zwölf Jahren ist sie die Seele des örtlichen Sportheims. Jetzt möchte „Heidl“ ihre Kochschürze endgültig an den Nagel hängen. Zum Leidwesen eines ganzen Dorfes.

„Deine Verpflegung ist spitze”, „Bei Dir schmeckt´s immer pfundig“ oder „Danke für alles“ sind die kurzen Kommentare auf den bunt bemalten Kärtchen. Es sind liebevolle Komplimente an eine außergewöhnlich liebevolle Frau. Eine Seele von Mensch. Jung und alt sind gleichsam von ihr begeistert. Auf dem Tresen im Sportheim, wo sonst die Getränke für die durstigen Sportlerkehlen stehen, reiht sich ein Blumenstrauß an den nächsten. Angeheftet die bunten Kärtchen. Seit Tagen treffen kleine Erinnerungspräsente ein. Sichtbare Zeichen von Dankbarkeit.

An ihrem letzten Tag ist die Nacht für Adelheid Lorenz um halb sechs vorbei. „Heidl“ wird wieder in ihrem außergewöhnlichen Wohnzimmer zaubern. So nennt die fast 75-Jährige die Küche des Sportheims. Ihr Reich, ihr Zuhause, ihre Welt. In drei Pfannen brutzeln die Fleischstücke im Fett. „Pflanzenfett, damit’s allen wohl bekommt.“ An diesem Tag wird mittags Puten-Cordonbleu serviert, mit Katoffelsalat oder Pommes. 48 Portionen sind vorbestellt, alle von ihr per Hand vorbereitet. Es werden einige mehr werden, Überaschungsgäste sollen nicht leer ausgehen.

Das Fleisch holt die Köchin vom heimischen Metzger. Der kennt sie. Der weiß genau, wie für sie die Fleischstücke geschnitten sein müssen. Und auf Frische legt „Heidl“ großen Wert. Ganz nebenbei erwähnt die Köchin beim Blick in die Bratröhre das zweite Gericht des Tages. Rinderrouladen mit Knödel und Blaukraut. 42 Vorbestellungen stehen auf dem Merkzettel. Dann noch der Salat, frisch zubereitet.

Vier Tage in der Woche hatte Adelheid Lorenz Hochbetrieb. Dienstag und Donnerstag sind die Trainingstage der Fußballer, an Samstag und Sonntag laufen die Spiele. Da fieberte „Heidl“ mit, da drückte sie die Daumen für ihre Jungs. Fallen Tore der heimischen Mannschaften, gab’s von ihr eine kleine Spende für die Vereinskasse. „Mitnehmen kann ich einmal nichts, da geb ich schon lieber mit warmen Händen“, sagt die gute Seele. Aus „Heidl“ spricht Lebenserfahrung. Duplikate gibt’s leider wenige von ihr.

„Das Nichtstun wird für mich ganz hart werden“, gesteht „Heidl“. Seit dem sechsten Lebensjahr wohnt sie in Schwabsoien, nach der Flucht 1945 mit ihrer Mutter und den fünf Schwestern aus Oberschlesien. Die neue Heimat nahm sie auf. Bei ihrer Mutter lernte „Heidl“ die Oberschlesische Küche. Ihr Wirken im Gasthof Rössle wurde durch eine Krankheit jäh beendet.

Nach sieben Jahren Abstinenz am Herd konnte „Heidl“ als Wirtin des Sportheims gewonnen werden. Eine Erfolgsstory. Die Vorstandschaft bezeichnet sie als Goldstück. Eines von „Heidl’s“ Geheimrezepten: „Ich habe nie geraucht und nie getrunken.“ Wenn man als Wirt trinkt, wird man leicht ekelhaft. „Und das Geld stimmt auch nimmer.“

„Heidl“ hofft sehr auf einen guten Nachfolger. Ihr liegt der Verein am Herzen. Vor allem die Jugend. Der hat sie schon ein großes Versprechen gegeben, das sie unbedingt einlösen will. Wenn die Jungs zum Saisonabschluss Meister werden, serviert sie ihnen ihr Lieblingsgericht. Schnitzel, Schnitzel und nochmals Schnitzel. Oberschlesisch zubereitet, versteht sich. Etwas Wehmut überfällt sie auch, wenn sie an die liebgewonnene Kafferunde denkt. 14 alleinstehende Damen des Dorfes trafen sich bei ihr. Die Tischdekoration hatte ihre Handschrift. Bunte Servietten kunstvoll gefaltet als Blickfang der Augen, Torten zum tiefen Durchschnaufen für den Gaumen. Blümchen durften natürlich auch nie fehlen. Und der Kaffee... „Heidl“ muss zaubern können!

Der Sportverein Schwabsoien sucht dringend eine Nachfolge für Adelheid Lorenz. Wer Interesse hat, soll sich an Vorstand Helmut Meßmer wenden unter Telefon 08868/245.

hh

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