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Das technisch so anspruchsvolle Programm des „Intrada“-Chors aus Moskau beeindruckte nicht nur durch den ungewöhnlich warmen und fließenden Chorklang.

Marktoberdorfer Kammerchorwettbewerb

Berauschende Chor-Klänge in der Basilika

Eine lange Schlange hatte sich vor der Altenstadter Basilika gebildet, wer Glück hatte, ergatterte noch einen Stehplatz: Denn seit langem ist bekannt, dass die Konzerte des Internationalen Marktoberdorfer Kammerchor-Wettbewerbs besonderes Format versprechen – erst Recht zum 30-jährigen Bestehen.

Altenstadt – Am Samstagabend vor Pfingsten haben alle 14 eingeladenen Chöre in Marktoberdorf bereits das Pflichtprogramm der ersten Wettbewerbs-Runde hinter sich gebracht. Am Pfingstsonntag strömten dann alle Chöre aus, um von Memmingen bis Augsburg, zwischen Isny und Polling und bis nach Reutte in Tirol bei verschiedenen Konzerten die Kür zu geben. Sängerinnen und Sänger aus Göteborg, Havanna und Moskau haben sich dabei zum gemeinsamen Konzert in der Basilika in Altenstadt versammelt.

Unterschiedlicher kann eine Mischung kaum sein, sowohl in Literatur als auch Ausstrahlung. Was jedoch allen Mitwirkenden gemeinsam war: musikalische Qualität wie gleichermaßen Hingabe und immense Freude am unbegleiteten chorischen a-cappella-Gesang.

Durch Natürlichkeit und Lockerheit bestach der schwedische „Härlanda-Kammarkör“ in der Basilika.

Bunt und leger gekleidet zog der schwedische „Härlanda-Kammarkör“ unter der feinsinnigen Leitung seines Gründers David Molin ins Kirchenschiff ein. Ob schwedisch oder englisch gesungen, das knapp 30-köpfige Ensemble besticht vor allem durch die Natürlichkeit und Lockerheit der Stimmen. In jedem Register ist man glänzend besetzt. Was ins Auge sticht, ist auch die Art, wie man sich gegenseitig erzählt, sich ansingt, zusingt, gemeinsamen Gestaltungswillen zeigt. Fröhlichkeit ist Trumpf in diesem Programm, das dynamisch extrem differenziert wird.

Es ist vor allem die traditionelle Literatur, die das Publikum immer wieder zu Zwischenapplaus hinreißt. Als Zuhörer hat man einfach keinen Zweifel daran, dass alles gut ist „solange die Windnasen brummeln“. Das man auch im Sakralbereich über bewegende Fähigkeiten verfügt, verdeutlicht die hell leuchtende Interpretation des „Lux Aeterna“ aus der Feder von Edward Elgar.

Ganz anders ausgestaltet ist die Klangwelt der professionell ausgebildeten, apart gewandeten Kubanerinnen und ihrer Tenor- und Bass-Kollegen in den silbern glänzenden Anzügen. Die geschliffenen Stimmen, vor allem in Alt und Sopran mit mühe- wie makelloser Höhe, strahlen eine schier unbremsbare Vitalität aus. Hier treffen Herz, Kopf und Hüftkick in prickelnder Weise aufeinander. Spanische Wortspiele, Lautmalerei, tänzerische Bewegung, die pulst und sich einfach ihren Weg bahnen muss, sprechen jeden in der Basilika persönlich an.

Der mit hinreißendem Solosopran in hörbares Gold gegossene Gospel „I have been destroyed my Lord“ treibt einem die Tränen in die Augenwinkel, ist so aus dem Herzen gesungen, dass der Publikumsjubel nicht mehr zu halten ist.

Die professionell ausgebildeten, apart gewandeten Kubanerinnen und ihre Tenor- und Bass-Kollegen sangen in schwarzen Kleidern und silbern glänzenden Anzügen.

In schlichtem Schwarz hat der „Intrada“-Chor aus Moskau ein rein sakrales Programm mitgebracht. Auch hier sind die Mitglieder jung, das Stimmmaterial funkelt und glänzt. Ob Tschaikowsky, Strawinski, Schnittke oder Schtschedrin, das technisch so anspruchsvolle Programm besticht nicht nur durch den ungewöhnlich warmen und fließenden Chorklang, den man in der auf deutsche Ohren oft sperrig wirkenden russischen Sprache so nur selten erleben kann. Die innere Bewegtheit und Anteilnahme, die samtige Schwärze der Bässe, die jubilierend klare Sicherheit der Sopranstimmen, die erdig weichen Farben der Mittelstimmen, fügen sich zu einem berührenden Gesamterlebnis.

Ästhetisch ist es ein Genuss, die junge Chorleiterin Ekaterina Antonenko zu beobachten. Mit weit ausholendem Gestus, voller Energie strahlend, lebt sie ganz in der Welt dieser Musik. Ob sich menschliche Seelenqual bei Schnittke aufbäumt oder Teile des Vaterunser aus der russischen Liturgie nach Nikolai Leskow im „Der versiegelte Engel“ von Rodion Schtschedrin zart und flehend durch den Raum schweben: „Intrada“ gelingen magische Momente, die die Zuhörer den Atem anhalten lassen. Für einen kurzen Moment scheint die Zeit unter den ausgebreiteten Armen des Christus einfach still zu stehen.

Mit extremer Spannung, Furcht einflößender Dramatik gipfelt das Programm in Schtschedrins „Die Hinrichtung Pugatschows“, jenes Don-Kosaken, der Anführer des nach ihm benannten russischen Bauernaufstands (1773-1775) war. Gewalt, Brutalität und der Aufschrei des Entsetzens gellen durch das Kirchenschiff, dass das Publikum beinahe wie unter Schock steht durch die Wucht dieser Musik. Am Ende will der Jubel für alle Chöre kaum ein Ende nehmen. Die stehenden Ovationen und der Applaus zeigen jedem einzelnen Chormitglied, dass genau seine Stimme zählt. „Ad multos annos“ möchte man dem Internationaler Chorwettbewerb ins Gästebuch schreiben.

VON DOROTHE GSCHNAIDNER

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