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Die Last, Sekundenbruchteile nachdem sie den Ladungsraum der Transall verlassen hat.

Tag der Bundeswehr in Penzing

Wie eine perfekte Theater-Choreografie

Der Tag der Bundeswehr am 10. Juni wirft seine Schatten voraus. Die zwei Tonnen schweren Lasten, die in Penzing punktgenau vor den Augen der rund 40 000 Besucher landen sollen, werden von den Altenstadter Lufttransportkameraden gepackt und aus der Transall abgesetzt. Ein Ablauf wie bei einer perfekten Theater-Choreografie.

Altenstadt/Penzberg„Unverdreht und kreuzungsfrei“ – Stabsfeldwebel Herbert Wintersohl hat noch heute im Ohr, was die Ausbilder ihm zu Beginn seiner Bundeswehrzeit immer eingebläut hatten. Vor 20 Jahren war Wintersohl dann selbst Ausbilder in der VI. Inspektion der Luftlande- und Lufttransportschule in Altenstadt. Der einstige Hohenfurcher weiß also, dass beim Packen der Lasten höchste Genauigkeit gefragt ist.

Heute ist Wintersohl, der bei fast allen Einsätzen der Bundeswehr dabei war, nicht mehr derjenige, der die Fallschirme an die mit Sand und Steinen gefüllten Paletten befestigt. „Aber ich weiß noch, wie mühsam es ist, eine Menge an verschiedenen Knoten zu beherrschen und die Last so zu schnüren, dass in der Luft nichts schief geht“, erinnert sich der 51-Jährige. Sein Job ist es mittlerweile, als Luftfahrzeug-Landungsmeister das Beladen der Transall und das spätere Absetzen der Lasten zu koordinieren.

Stabsfeldwebel Herbert Wintersohl bei der Kontrolle der angelieferten und auf der Palette verzurrten Last.

Wintersohls Tag beginnt heute mit der Entgegennahme der Paletten, die die Altenstadter mit einem schweren Lkw beim Luftumschlagszug auf dem Penzinger Flugplatz angeliefert hatten. Nach der Sichtkontrolle, ob sich bei der Fahrt womöglich etwas gelöst hat, winkt er einen Staplerfahrer herbei, der ihm das zirka zwei Kubikmeter große Paket zentimetergenau in seine Transall wuchtet. Was im offiziellen Jargon „Absetzen vom Lasten im Absetzverfahren in niedriger Höhe“ heißt, nennen die Soldaten schlicht „Lasten-Drop“. Dass es nicht so einfach ist, wie „DROP“ klingt, wird daran deutlich, dass die entsprechende technische Dienstvorschrift deutlich über 200 Seiten umfasst. Die lausig kopierten Schwarz-Weiß-Bildchen mit den Knotenknüpfanleitungen bringen vermutlich sogar einen eingefleischten Segler ins Schwitzen.

Mittlerweile ist auch die Cockpit-Besatzung an der Maschine eingetroffen und beginnt mit den Startvorbereitungen. Anders als sonst, wo zuerst in irgendeine ausgewiesene Drop-Area geflogen wird, sind die Piloten beim Start diesmal schon da, wo die Last am 10. Juni landen soll: direkt neben der Startbahn, vor den Augen tausender Zuschauer. Der Transall-Kommandant Stabshauptmann Peter Dörnach beginnt mit dem Countdown: „X minus acht“, spricht er in sein Headset, mit dem auch Wintersohl im Ladungsraum verbunden ist. Acht Minuten Zeit für ihn, die Gurte der Transportsicherung zu entfernen und nochmals eine Sichtkontrolle vorzunehmen. Bei „x minus drei“ reduziert Dörnach die Geschwindigkeit seiner Transall auf unter 300 km/h. Logisch, dass die Entfernung zum Absetzpunkt genau mit seiner gerade geflogenen Geschwindigkeit korrelieren muss. X minus zwei: Der Copilot öffnet vom Cockpit aus Ladetor und Rampe.

Die Last ist fertig verladen im Bauch der Transall, die gelben Gurte lösen den letzten Schirm aus.

Bei „x minus zehn“ (Sekunden) beginnt die Tempo-Choreografie: Nach der Auslösung vom Cockpit aus löst sich ein erster kleiner Fallschirm, der das große Fallschirmpaket aus dem Ladungsraum zieht. Noch im gerefften, also im noch nicht geöffneten Zustand, reisst der Lastenausziehschirm das zwei Tonnen schwere Paket aus dem Bauch der Transall. Die Last schießt mit einem Tempo von bis zu 65 Stundenkilometern über die Laderampe davon. Erst in dem Moment, wo die Last aus der Maschine kippt, öffnen sich an 70 Meter langen Gurten die Lastenfallschirme zu ihrer vollen Größe von je 300 Quadratmetern.

„Schirm fällt.... Last rollt.... Last abgesetzt“, schreit der Landungsmeister in kurzen Abständen in sein Mikro. Das Spektakel geht in der Luft weiter: Um ein Durchpendeln zu verhindern, in dessen Folge die Last beim Auftreffen beschädigt würde, löst sich ein fünfter Schirm, der die Pendelbewegung so bremst, dass das Paket senkrecht auf dem Boden auftrifft. Wintersohl ist zu dem Zeitpunkt fast schon wieder über alle Berge. Wie punktgenau das Absetzen gelang, erfahren sie erst später.

„Im scharfen Einsatz haben wir das Verfahren noch nie angewendet“, resümiert Wintersohl beim Debriefing in der Staffelbar. Zweck war, die Truppe aus der Luft zu versorgen. Eingang in die Lufttransportgeschichte fand hingegen das sogenannte Afrika-Verfahren. 1985 im Einsatz in Äthiopien entwickelt, ermöglicht das Abwerfen von Säcken mit Lebensmitteln aus fünf Metern Höhe eine Versorgung der hungernden Bevölkerung. Diesem Einsatz verdankt die Transall ihren Beinamen „Engel der Lüfte“.

Max-Joseph Kronenbitter

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