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Evakuierung per Helikopter: Noah Wild aus Altenstadt rettet sich aus kanadischem Hochwassergebiet

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Von: Theresa Kuchler

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Im Helikopter über dem Flutgebiet.
Über den Luftweg gelang die Evakuierung des Altenstadters aus dem Überschwemmungsgebiet in Kanada. © Noah Wild

Nach einem Ausflug in die Rocky Mountains war Noah Wild aus Altenstadt tagelang in der Turnhalle der kanadischen Kleinstadt Hope festgesteckt. Der Grund: Extremes Hochwasser. Zur Evakuierung orderte sich der 19-Jährige selbst einen Helikopter .

Altenstadt/Hope – Rund 60 Personen saßen in dem Bus, der von den Rocky Mountains in Richtung Vancouver unterwegs war, als plötzlich nichts mehr vorwärts ging. Mittendrin: Noah Wild aus Altenstadt. Der 19-Jährige ist seit September in Kanada, wo er eine Sprachschule besucht. Gemeinsam mit seinen Mitschülern hatte er eine Wochenendtour durch das Gebirge unternommen. Dass sich das wahre Abenteuer erst auf der Rückfahrt abspielen sollte, damit hatte wohl keiner gerechnet.

Der Bus war schon kurz vorm Ziel. Rund zwei Stunden hätte es noch gedauert, dann wären die jungen Ausflügler wieder in Vancouver angekommen. „Es hieß aber schon recht früh, dass wir einen Umweg fahren müssen“, erzählt Wild. Wegen der extremen Wetterbedingungen – der Dauerregen hatte massive Erdrutsche und Schlammlawinen ausgelöst – waren viele Straßen innerhalb kurzer Zeit unbefahrbar geworden. Die Konsequenz: Verkehrschaos und stundenlanger Stau. „Irgendwann mussten wir ganz umdrehen.“

Erdrutsche und Schlammlawinen machten ein Weiterfahren unmöglich

Wohin es gehen sollte, darüber wurden er und seine Mitfahrer allerdings lange Zeit im Unklaren gelassen. „Die erste Nacht mussten wir im Bus schlafen. Da sind viele krank geworden – inklusive mir“, sagt Wild, der immer noch erkältet ist, als er der Heimatzeitung von seinem viertägigen Abenteuer erzählt.

Am darauffolgenden Tag steuerte der Fahrer die nahe gelegene Kleinstadt Hope an, die von dem Hochwasser stark betroffen ist. „Wir sind dort in die Turnhalle der High School gekommen. Das war der einzige Ort mit Strom.“ Noah Wild schätzt, dass rund 700 Personen Unterschlupf in der Sporthalle fanden – darunter viele Ortsbewohner. „Denen wurde eigentlich gesagt, dass sie zu Hause bleiben sollen. Aber viele hatten ja keinen Strom.“ Daher kamen auch sie in die High School, bis die elektrische Versorgung wieder stand. Das sollte noch einen weiteren Tag dauern.

Die Turnhalle einer High School wurde zur Notunterkunft

„Als wir angekommen sind, haben wir Pizza und Wasser bekommen. Keiner von uns hatte viel zu trinken dabei. Wir wären ja nicht mehr lange unterwegs gewesen“, schildert Wild. Ansonsten sei die Situation in der Turnhalle prekär gewesen: Eiseskälte, keine Duschen, keine richtigen Betten. Und mit Informationen hielt man sich auch bedeckt. „Es war vieles so widersprüchlich, wir haben nie eine richtige Auskunft bekommen.“

Die Ungewissheit darüber, wann es endlich weitergehe, sei für den 19-Jährigen das Schlimmste gewesen. Besonders, als sich die Lage weiter anspannte. „Am Dienstag gab es eine neue Überflutung. Da hieß es dann, wir kommen frühestens eine Woche später raus.“ Alle Highways rund um Hope waren unbefahrbar, die Stadt komplett abgeschnitten.

Um sich aus der Lage zu befreien, orderte der 19-Jährige einen Helikopter

Für Noah Wild sei es eine Horrorvorstellung gewesen, noch eine ganze Woche in dem Notlager zu bleiben. Insbesondere, weil sich sein Gesundheitszustand zunehmend verschlechterte. „Für mich war an dem Punkt klar: Ich muss hier raus.“ Gemeinsam mit einem weiteren Sprachschüler aus Deutschland kümmerte er sich also darum, schnellstmöglich aus dem hoffnungslosen Hope wegzukommen. Möglich war das mit Hilfe des Internets und der Unterstützung von den Eltern Martina und Robert Wild, die unentwegt am Telefon mitfieberten.

Überglücklich ist Noah Wild über seinen Platz im Heli.
Überglücklich ist Noah Wild über seinen Platz im Heli. © Noah Wild

„Ich habe gegoogelt: ,Heli chartern Kanada’“, so Noah Wild. Fünf bis sechs Firmen machten er und sein Freund ausfindig, die allesamt „komplett überlaufen“ waren. Die Nachfrage nach Evakuierungsflügen sei immens gewesen. Die beiden jungen Männer hatten Glück: Sie konnten einen Helikopter finden, der sie am Mittwoch von dem kleinen städtischen Flugplatz aus in die Nähe von Vancouver brachte.

Keine Unterstützung durch den kanadischen Staat

„Um 14 Uhr hätte der Flug gehen sollen. Wir haben ewig gewartet und wurden schon nervös, weil hier um 16.15 Uhr die Sonne untergeht.“ Ohne Licht, kein Flug – die Piloten fliegen nur „auf Sicht“, erklärt Noah Wild. Am Ende ist alles gut gegangen. Mit einer weiteren Person konnten sie in einem Helikopter Platz nehmen, der sie in Sicherheit brachte. Gerade noch rechtzeitig: „Wir sind gelandet und kurz drauf war es dunkel.“

Für die Kosten ist der 19-Jährige selbst aufgekommen. 700 Kanadische Dollar habe der Flug pro Person gekostet. „Es war echt sau teuer“, ist Wild verärgert. Er hätte sich gewünscht, seitens der kanadischen Regierung ein wenig Unterstützung zu erhalten –doch die gab es weder finanziell noch organisatorisch. Ärgerlich ist auch, dass kurz nach Wilds Abflug auch ein Zug aus Hope abgefahren ist. Das sei nie kommuniziert worden. „Hätten wir das gewusst, wären wir natürlich Zug gefahren.“

Die Hauptsache ist freilich, dass der 19-Jährige wieder in Sicherheit ist. In seinem Einzimmer-Appartement in Vancouver, das er noch bis März bewohnt, bevor es zurück in die Heimat geht. Viel zu erzählen gibt es für den jungen Altenstadter dort dann allemal.

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