Der frühere Bürgermeister Georg Kölbl mit seiner Familie. Links hinten das Haus, in dem sich seine Amtsstube, das Gefängnis und der Laden befanden.
+
Der frühere Bürgermeister Georg Kölbl mit seiner Familie. Links hinten das Haus, in dem sich seine Amtsstube, das Gefängnis und der Laden befanden.

Seit über 200 Jahren ein Geschäft

Laden und Gefängnis unter einem Dach: Der ehemalige „Jaudenkramer“ in Apfeldorf

Die Amtsstube des Bürgermeisters war schon einmal drin und sogar ein Gefängnis. Seit über 200 Jahren außerdem ein Laden für den täglichen Bedarf: Der ehemaligen „Jaudenkramer“ am Kirchplatz in Apfeldorf.

Apfeldorf – Wer heute vor dem Wohn- und Geschäftshaus der Familie Geiger steht, den erinnert nicht viel an die lange Historie des Gebäudes, das früher zu einer Landwirtschaft gehörte. Jetzt ist es ein Edeka-Laden, der von Lisa Geiger geführt wird, und zugleich das Wohnhaus der Inhaberfamilie.

In den vergangenen 200 Jahren war das Gebäude längst nicht nur Laden und Wohnhaus: Wo die Familie Geiger heute lebt, hatte der frühere Bürgermeister Georg Kölbl einst seine Amtsstube. Kölbl war stolze 38 Jahre lang – von 1894 bis 1932 – das Gemeindeoberhaupt von Apfeldorf. Doch nicht nur die Gemeindegeschäfte wurden zu Zeiten von Bürgermeister Kölbl in dem Haus am Kirchplatz abgewickelt: „In unserem heutigen Badezimmer im Erdgeschoss gab es damals sogar ein Gefängnis“, weiß Eva Geiger, die Tochter von Lisa Geiger. Bei dem Gefängnis handelte sich um ein Verlies zur vorläufigen Inhaftierung von Straftätern. Die Gefangenen blieben dort, bis sie zum Bezirksamt nach Schongau überführt wurden.

Laden exisitiert seit 1792 ohne Unterbrechung

Neben Amtsstube und Gefängnis gab es in dem Anwesen aber vor allem schon seit sehr langer Zeit einen Laden, in dem sich die Apfeldorfer heute noch mit Lebensmitteln und allem, was man zum täglichen Leben so braucht, eindecken. Das Einkaufen am Kirchplatz hat eine sehr lange Tradition: Der Laden existiert seit dem Jahr 1792 und wurde über die Jahrhunderte hinweg ohne Unterbrechung immer wieder weitergeführt.

Mit dieser Original-Urkunde auf Pergamentpapier, ausgestellt im Jahr 1795, wurde Joseph Jaud vom Kurfürsten die Kramergerechtigkeit erteilt.

In den Aufzeichnungen der Apfeldorfer Ortschronik ist der Kramer Johann Georg Vogl im Jahr 1792 als erster Besitzer des Ladens genannt. Belegt ist auch, dass Vogl bereits am 3. Mai 1779 vom Kurfürsten Carl Theodor die Erlaubnis bekommen hatte, einen Kramerladen zu führen. Dies war damals noch nötig, da es keine Gewerbefreiheit gab – es durfte nicht einfach jeder einen Laden eröffnen. Man benötigte die sogenannte „Kramergerechtigkeit“.

Diese Erlaubnis wollte dann auch Vogls Nachfolger, Joseph Jaud, der mit seiner Frau Regina von 1793 bis 1821 den Laden am Kirchplatz führte: Eine historische Urkunde zeugt heute noch davon, dass Joseph Jaud vom Kurfürsten die Kramergerechtigkeit verliehen bekam - und was er dafür bezahlen musste: Er hatte jährlich einen Gulden, acht Kreuzer und vier Heller im Kastenamt Rauhenlechsberg zu entrichten. So steht es auf Pergamentpapier. Die Urkunde wurde von der Kurfürstlichen Hofkammer in München ausgestellt und mit einem Wachssiegel in Buchsbaumkapsel versehen.

Hans Schütz aus Peiting und dessen Bruder Richard ist es zu verdanken, dass das historische Dokument im Jahr 2005 als dauerhafte Leihgabe wieder zurück nach Apfeldorf kam. Die Brüder sind die Urenkel des früheren Apfeldorfer Bürgermeisters Georg Kölbl, der 1892 den „Jaudenkramer“ und damit auch die Kramergerechtigkeit übernommen hatte. „Die Urkunde hing bei meiner Oma noch im Hausgang, sie wurde sehr in Ehren gehalten“, erinnert sich Hans Schütz noch heute.

Vom ehemaligen Ladenbesitzer Joseph Jaud, der in der Urkunde genannt wird, stammt auch noch der alte Hausname „Jaudenkramer“, der lange Zeit für das Anwesen am Kirchplatz verwendet wurde.

Der Name „Jaudenkramer“ wird heute nicht mehr verwendet – wohl aber der Hausname „Kirchenbauer“: Diesen brachten Johann und Josefa Geiger von ihrem früheren Hof mit, als die Eheleute im Jahr 1932 das Anwesen am Kirchplatz mit dem Laden von Georg Kölbl erwarben. Seit dieser Zeit ist das Haus im Besitz der Familie Geiger.

Die heutige Inhaberfamilie Geiger: hinten Eva und Lisa Geiger, vorne Magdalena Geiger. Rechts bedienen die Aushilfen Luise Jahl (hinten) und Gabi Kuisl.

Damals gab es noch nicht einmal eine eigene Ladentür – sie wurde erst später eingebaut: „Früher mussten die Kunden noch durch unsere Wohnung laufen, wenn sie in den Laden wollten“, erinnert sich Magdalena Geiger, die Schwiegermutter von Lisa Geiger. Die heute 95-Jährige hatte den Laden bis zur Euro-Umstellung geführt. Im Jahr 2000 wurde das Geschäft von ihrem mittlerweile verstorbenen Sohn Johann und dessen Ehefrau Lisa um einen Vorraum erweitert. Deren Tochter Eva Geiger möchte die langjährige Laden-Tradition am Kirchplatz einmal fortführen und damit in die Fußstapfen ihrer Urgroßeltern treten, die das Haus mit Laden 1932 erwarben. Voraussetzung sei allerdings, dass genügend Kunden kämen, damit sich der Laden auch rechne, räumt die 34-Jährige ein. Damit haben es die Apfeldorfer quasi selbst in der Hand, ob sie weiterhin im Dorf einkaufen können wie seit mehr als 200 Jahren.

VON MANUELA SCHMID

Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Schongau-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Schongau – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare