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Aus für Arbeiter-Kranken-Unterstützungsverein Peiting

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Konnten sich durch eine Mitgliedschaft beim Krankenunterstützungsverein ein Stück soziale Sicherheit erkaufen (von links): Bergwerksarbeiter wie Mathias Wöretshofer (verstorben), Josef Wotke, Otto Buchner (verstorben), Franz Weiß und Xaver Bader (fotografiert am Arbeitsplatz Abbaustrecke A3 - 3 West). foto: xaver bader
Konnten sich durch eine Mitgliedschaft beim Krankenunterstützungsverein ein Stück soziale Sicherheit erkaufen (von links): Bergwerksarbeiter wie Mathias Wöretshofer (verstorben), Josef Wotke, Otto Buchner (verstorben), Franz Weiß und Xaver Bader (fotografiert am Arbeitsplatz Abbaustrecke A3 - 3 West). foto: xaver bader

Peiting - Der Arbeiter-Krankenunterstützungsverein Peiting, einst gegründet für Arbeiter unter Tage, löst sich zum Jahresende auf.

Arbeiter-Krankenunterstützungsverein? Was soll denn das überhaupt sein? Diese Frage wird sich so manch einer stellen. Schließlich gibt’s bei dieser Gruppierung keinen Stammtisch, keine Musikabende oder große Jubiläumsfeiern. Im Hintergrund hat der Verein gearbeitet. Seit immerhin 86 Jahren. Für Arbeiter, für Bergwerksleute, für die es damals kein soziales Netz gegeben hat. Und gerade weil dieses Netz heute so gut ist, steht der Verein mit immer weniger Mitgliedern da. Wer braucht heutzutage noch einen Verein für Krankentagegeld oder Sterbegeld? Das Aus ist besiegelt, so haben es die verbliebenen Mitglieder beschieden.

Ein kleiner Rückblick: Peiting schreibt das Jahr 1926. Es ist Mai. Der Markt wandelt sich vom Bauerndorf zum Bergwerksort. „Damals waren die sozialen Verhältnisse nicht wie heute“, schildert Xaver Bader. Er ist seit 43 Jahren Kassier bei dem Verein, hat einst selbst unter Tage gearbeitet - und jetzt den Abschied mit in die Wege geleitet. Die Zeiten: Sie haben sich nun mal geändert.

Wer heute über einen längeren Zeitraum erkrankt, der bekommt die sogenannte Lohnfortzahlung. „Wenn jemand damals wegen Krankheit oder einem Unfall nicht arbeiten konnte, gab es nichts“, erinnert sich Xaver Bader an Zeiten, die alles andere als rosig waren. Doch was, wenn der Familienernährer ausfällt? Gibt es einen Ausweg aus Hunger und Armut, wenn so ein Fall eintritt?

Ja. Sagte im Mai 1926 Josef Jocher und gründet den Arbeiter-Krankenunterstützungsverein. Mitglieder waren bis zum Jahr 1968 nur Bergleute. „Andere Arbeitnehmer kamen erst nach Schließung des Bergwerks dazu“, erzählt Xaver Bader.

Das Prinzip: Mit dem Vereinsbeitrag sichern sich die Mitglieder ein Krankentagegeld und Sterbegeld. Immerhin 880 Arbeitnehmer ergreifen diese Möglichkeit in 86 Jahren Vereinsgeschichte. In seiner Blütezeit ist der Verein im Jahr 1959 - er verzeichnet mit 628 Mitgliedern den größten Zuwachs seit Bestehen.

Um so rasanter ging es dann bergab. Der Lebensstandart in Deutschland wurde höher, das soziale Netz dichter. Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wurde eingeführt. „Da haben viele gedacht, sie brauchen den Verein nicht mehr“, weiß Bader.

Viele, die trotzdem dabeigeblieben sind, haben dem Verein aus traditionellen Gründen die Stange gehalten. Weil sie eben schon zu Bergwerkszeiten dabei waren. Doch Traditionen geraten eben bekanntlich schnell in Vergessenheit. Und dann passiert das, was für einen Verein auf lange Sicht den Tod bedeutet: „Das Gewicht hat von den Aktiven zu Gunsten der Passiven umgeschlagen.“ Eine Entwicklung, die nicht mehr aufzuhalten war. 73 Mitglieder zählt der Verein jetzt noch. Seit 1994 gab es keinen Mitgliederzuwachs mehr. „Uns war lange klar, dass wir keine Überlebenschance haben, obwohl wir die Leistungen bringen“, erzählt Vorstand Egon Walter.

Drei Währungsreformen hat der Arbeiter-Krankenunterstützungsverein durchgemacht. Doch jetzt ist Schluss. Auch wegen der Finanzkrise. Die fest angelegten Gelder sind ausgelaufen, es gibt kaum noch Zinsen. Und irgendwann würde eben das Geld nicht mehr reichen.

Deshalb hat die Vorstandschaft jetzt die Notbremse gezogen. Zum 31. Dezember dieses Jahres löst sich der Verein auf. Bis dahin laufen alle Leistungen weiter. Was bis dahin noch in der Kasse ist, wird nach Beitragsjahren unter den Mitgliedern aufgeteilt. Damit stirbt auch ein Stück Erinnerung an die Bergwerkszeit in Peiting.

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