Erwin Höpfl

Atmosphäre blanker Angst

Schongau - Erwin Höpfl, Gründer der Nepalinitiative Schongau, hat nach seiner Rückkehr aus dem Katastrophengebiet bereits ein Sonder-Spendenkonto organisiert.

„Das kann man nicht beschreiben“, sagt Erwin Höpfl auf die Frage, wie er das Erdbeben erlebt habe. Er weiß, dass er punkt zwölf Uhr in seinem Hotelzimmer im vierten Stock eines historischen Hotels in Kathmandu überrascht wurde. Unten waren die Hotelmitarbeiter gerade dabei, die Tafel für ein großes Abschiedsessen zu decken. Höpfl wollte vor der Abreise noch alle seine nepalesischen Freunde zum Essen treffen. Wenige Minuten später war der gedeckte Tisch ein Schlachtfeld.

Höpfl selbst erlebte das Erdbeben in seinem Zimmer. „Die Erdstöße waren so stark, dass gar nicht daran zu denken war, das Zimmer zu verlassen“, beschreibt Höpfl das Beben der Stärke 7,5, das Kathmandu erschütterte. „Ich wurde aufs Bett geworfen und hielt mich einfach krampfhaft fest, während ich wild durchgeschüttelt wurde“, schildert er. Um ihn herum wurden die Möbel durchs Zimmer geschleudert, Schränke kippten um. Wie durch ein Wunder blieb er unverletzt. Und das Hotel, das er als „alte Bude, die sowieso nicht besonders stabil wirkt“ beschreibt, hielt dem Beben stand. „Die Tibeterin, die das Hotel leitet, meinte, der Hausaltar ist verschont geblieben und das sei ein gutes Zeichen“, lächelt Höpfl in der Erinnerung an die letzten Tage. Allerdings rief kurz darauf die Tochter der Hotelleiterin aus ihrem Wohnort Kanada an und erzählte, dass es wohl ein zweites starkes Beben gegen wird.

Das für Sonntagnacht erwartete schwere Beben war auch der Grund, warum in ganz Kathmandu die Hotelgäste quasi auf die Straße gesetzt wurden und im Freien übernachten mussten. „Es gab nichts mehr zu essen, überall herrschte Wassermangel“, berichtet Höpfl, der froh war, mit seinen drei Begleitern, einer ehemaligen Mitarbeiterin aus Schongau und deren Mann sowie einem alten Studienfreund, eine Flasche Wasser ergattert zu haben.

Nach dem Beben wagten er und seine Begleiter sich auf die Straße in der völlig zerstörten Stadt. „Draußen war es auch nicht sicherer als drinnen“, beschreibt er die Szenerie. Riesige Stromkabel, die schon unter normalen Umständen grenzwertig sind, waren abgerissen, Masten umgekippt, riesige Leuchtreklame-Tafeln, die normal das Stadtbild bestimmen, drohten herabzufallen. Überall Trümmer, Steine, Verletzte. Eindrücke, die Höpfl so schnell nicht wieder aus dem Kopf bekommen wird. Wie den herzzerreißenden Schrei eines Mädchens, das den Körper seiner toten Mutter unter Trümmern entdeckte. Kinder, die auf der Suche nach ihren Eltern durch zerstörte Straßen irren.

„Man möchte helfen, aber als Ausländer kannst du nichts machen, sprichst die Sprache nicht“, so Höpfl. Durch die zahlreichen kleinen Nachbeben herrscht eine Atmosphäre blanker Angst. Menschen, die beim kleinsten Beben hysterisch schreiend auf die Straße laufen, am ganzen Körper zitternd. Die Menschen in Nepal sind in Panik. „Seit 80 Jahren gab es dort kein derartiges Erdbeben mehr“, weiß Höpfl. Er selbst konnte sich mit seinen Begleitern zum Flughafen durchschlagen und ergatterte nach stundenlangem Schlangestehen am Schalter tatsächlich einen Rückflug über Katar nach München.

„Der Flug verzögerte sich aber Stunde um Stunde, und für zwei Uhr nachts war das nächste schwere Beben angekündigt“, so Höpfl. Über allem eine brütende Hitze, die den tausenden Touristen, die am Flughafen ohne Essen und Trinken ausharren, zusetzt. Kurioserweise landen immer wieder Flugzeuge, die weitere Touristen ausladen, die dann am Flughafen festsitzen. „Um halb zehn Uhr abends saßen wir schließlich tatsächlich in einem Flugzeug, und erst als die Maschine startete, fiel langsam die Anspannung ab“, erzählt Höpfl.

Er sitzt am Tisch und blättert fahrig in einem Kalender mit Fotos der historischen Tempel, die zum Weltkulturerbe zählen und von denen nach dem Erdbeben nicht mehr viel übrig geblieben ist. Den Kalender hat ihm noch der nepalesische Freund geschenkt, der für den Bau des neuen Kinderheims Rangeen Home im Kathmandu-Tal verantwortlich ist. „Vor ein paar Tagen sind wir noch durch Bhaktapur, eine der drei alten Königsstädte geschlendert, und er hat mir erzählt, dass er einige der historischen Gebäude renovieren will“, denkt Höpfl zurück.

Diese Gebäude sind mittlerweile nur noch Ruinen. Tragisch, aber nichts im Vergleich zu den menschlichen Tragödien. Inzwischen hat Erwin Höpfl aber auch gute Nachrichten aus Nepal: Phuntsok Tenphel, der Repräsentant der Nepal-Initiative vor Ort, dessen Frau Tsering Dolker das Rangeen Home in Pokhara leitet, hat sich per Mobilfunk gemeldet. Alle Schulprojekte, die die Nepal-Initiative unterstützt, sind unversehrt geblieben. Selbst eine Schule, die relativ nahe am Epizentrum des Erdbebens liegt. „Die Kinder im Rangeen Home mussten draußen schlafen und wurden vor allem von Moskito-Schwärmen geplagt“, weiß Höpfl aus zweiter Hand.

Mit Sorge blickt er auch auf die nahende Monsun-Zeit, die den Opfern des Erdbebens weiter zusetzen wird. Nepal ist laut Höpfl ein unorganisiertes Land. Selbst die Helfer, die jetzt aus dem Ausland kommen, werden nicht vernünftig koordiniert.

Nichtsdestotrotz hat die Nepalinitiative ein Spendenkonto eingerichtet, um die Erdbeben-Opfer zu unterstützen. „Wir als kleine Organisation können vor Ort keine umfangreiche Hilfe leisten“, so Höpfl. Deshalb werden die Spendengelder an die Organisation humedica e.V. aus Kaufbeuren weitergeleitet. Diese hat nach Bekanntwerden der Katastrophe umgehend ein sechsköpfiges medizinisches Einsatzteam in die betroffene Region entsendet, um Verletze zu versorgen.

Durchführungspartner vor Ort ist die Hilfsorganisation „Nazarene Compassionate Ministries (NCM), die bereits seit Jahren Projekte in Nepal unterhält. „humedica leistet tolle Arbeit“, weiß Höpfl, der die Vereinsgründer persönlich kennt. Die Gelder kommen wirklich da an, wo sie gebraucht werden. Die Nepal-Initiative will zudem mit Spendengeldern die Bewohner der Dörfer in der Umgebung des neuen Rangeen Home im Kathmandu-Tal unterstützen.

Ursula Fröhlich

Spenden: Erwin Höpfl hat an alle, die ihn, seit er wieder zu Hause ist, laufend mit besorgten Telefonanrufen bombardieren, nur eine Bitte: „Unterstützt die Hilfe für die Menschen in Nepal konkret mit Spenden!“ Dafür hat die Nepal-Initiative das Sonderkonto Erdbeben Nepal eingerichtet. Stichwort: „Nepal-Erdbeben“, IBAN DE04 7345 1450 0036 1777 23, BIC BYLADEM1SOG.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Grünes Licht für Badeseen - Iffeldorf befürchtet Ausflügler-Ansturm
Die Pfingstferien werden die Menschen wegen Corona zu Hause verbringen. Bei steigenden Temperaturen dürften die Badeseen in den Fokus der Urlauber geraten. Das …
Grünes Licht für Badeseen - Iffeldorf befürchtet Ausflügler-Ansturm
Der Schongauer Märchenwald macht wieder auf: Besucher müssen online reservieren
Es war ein Geduldsspiel von einem Tag zum anderen, wann Florian Hallmann seinen Schongauer Märchenwald wieder öffnen darf. Mit Einschränkungen, das ist klar. „Aber wann …
Der Schongauer Märchenwald macht wieder auf: Besucher müssen online reservieren
Schlichtes Holzkreuz erinnert an schlimmes Unglück vor 75 Jahren
Den 29. Mai des Jahres 1945 werden Franz und Siegfried Bleichner aus Peiting nie vergessen. An diesem Tag verunglückte ihr Bruder Georg in der Nähe ihres Elternhauses …
Schlichtes Holzkreuz erinnert an schlimmes Unglück vor 75 Jahren
Mit Moped in Auto gekracht: 16-Jähriger bricht sich mehrere Knochen und kommt mit Hubschrauber in die Klinik
Mehrere Knochenbrüche hat sich ein 16-jähriger Kleinkraftrad-Fahrer zugezogen, der am Freitagmittag bei Herzogsägmühle mit einem Pkw zusammengestoßen ist. Er wurde mit …
Mit Moped in Auto gekracht: 16-Jähriger bricht sich mehrere Knochen und kommt mit Hubschrauber in die Klinik

Kommentare