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Die „Los Promillos“ 1971 im Rebstöckle in Nesselwang: (v.l.) Ernst Freudling, Sigi Müller und Rudi Rutka

Band-Serie

Die „Los Promillos“ im Rebstöckle

In den 60er Jahren gründen sich im Schongauer Land zahlreiche Beatgruppen, die durch die Lande ziehen. Doch auch die Tanzmusik kommt nicht zu kurz. Es gibt Gruppen wie das „Moreno Quartett“, „Los Calvados“ und „Los Promillos“ – und in allen dreien spielt ein bekannter Schongauer die Hauptrolle.

Schongau – Der kleine Siegfried ist musikalisch begabt. Das erkennt Großvater Ludwig Böhm und schenkt ihm eine Geige. Inklusive Unterricht. Denn Großvater Ludwig liebt dieses Instrument, diese Liebe will er auf Enkel Siegfried übertragen. Der ist ein gelehriger Schüler. Doch als der Bub 13 Jahre alt ist, platzt aus ihm ein Wunsch heraus: Er würde gerne die Geige gegen eine Gitarre tauschen. Die Reaktion: Ludwig Böhm kauft einem Schongauer für 25 Mark so ein Instrument ab. Für Siegfried geht ein Traum in Erfüllung. Der Grundstein für eine Karriere als Musiker ist gelegt.

Duett mit dem Opa: Geige und Gitarre

Siegfried lernt das Gitarrenspiel und, man kann es fast nicht glauben, spielt nach kurzer Zeit mit dem Großvater im Duett. Geige und Gitarre, geht das? „Es hat überraschenderweise ganz toll geklungen“, sagt Siegfried heute. Schwer vorstellbar, wenn man hört, was die beiden ihren Instrumenten entlockt haben. „Unter fremden Sternen“ von Freddy Quinn war das erste gemeinsame Stück. Mit Gesang von Sigi. Schade, dass es keinen Mitschnitt gibt. Der nächste Traum von Siegfried: Er will unbedingt in einer Band spielen. Denn, so hat er gehört, man kann damit sein Taschengeld erheblich aufstocken.

Ach, fast vergessen. Der Siegfried hat natürlich einen Nachnamen. Und ihn kennt jeder in Schongau. Es ist der Siegfried Müller, ewiger Stadtrat der Alternativen Liste Schongau. Wer hätte gedacht, dass dieser Mann damals mit seiner Gitarre und seinem Gesang ganze Säle zum Kochen gebracht hat? Sigi war ein Quotenrenner. Ein musikalisches und sprachliches Universalgenie.

1966 gründete Günther Juppe in Schongau das „Trio Moreno“. Günther selbst spielt Schlagzeug, Ernst Hofmann ringt seinem Akkordeon die Töne ab, Fritz Fichtner zupft Bass. Ein Gitarrenspieler fehlt noch. Sigi Müller spielt vor und bekommt den begehrten Job. Als „Moreno Quartett“ pendeln sie von Hochzeit zu Hochzeit, die erste Gage fließt. Am Wochenende locken die vier ihre Fans nach Lechbruck. Entweder Metzgerwirt oder Lechfelsenbar. Peter Schwarz sitzt an der Kasse und sorgt dafür, dass sie kräftig klingelt.

Als Günther Juppe aus der Formation aussteigt, wird Werner Falgner als Schlagzeuger an Land gezogen, bei den Mädels besser als „Hase“ bekannt. Der Bandname jedoch gehört der Vergangenheit an, da er Günthers Idee war und er ihn für sich behalten wollte. „Obwohl fast alle anderen Bands zu dieser Zeit sich englische Namen gaben, entschieden wir uns für die spanische Richtung“, erzählt Sigi. Exotische Namen waren gerade „in“. Und wenn noch ein „Los“ davor stand, besonders. „Los Calvados“ steigt wie Phönix aus der Asche. In dunklen Kreisen wird gemunkelt, dass das Getränk nicht unerheblich dazu beigetragen hat.

Ein heißer Sommer für die Jungs

Es wird ein heißer Sommer für Sigi und die Jungs. Für den ausgestiegenen „Hase“ sitzt jetzt Wolfgang (Nachname nicht mehr bekannt) hinterm Schlagzeug. Ein Glücksfall. Er ist Soldat bei der Bundeswehr und stellt den Kontakt zur Truppe her. Alles, was zum Thema Ball unter Bundeswehr im Oberland läuft, bespielen die „Los Calvados“. Und in der gesamten Urlaubszeit wird im feudalen Undosa in Starnberg und im bekannten Schlierseer Hof kräftig eingeheizt. La Bamba von Ritchie Valens oder Trini Lopez wird rauf und runter gespielt, bis die Mädels Feuer fangen. Davon schwärmen noch heute die weiblichen Gäste der Schwesterstadt Colmar, denen Sigi beim ersten Kennenlernen im Schongauer Ballenhaus den Song näher gebracht hat.

Eine Geschichte aus der Zeit vom Schlierseer Hof hat sich bei Sigi besonders im Gedächtnis eingebrannt. Als der Oberkellner mit vollem Tablett (Schnitzel in allen Variationen) über die Tanzfläche flitzte, entglitt ihm alles in hohem Bogen. Der gute Mann brachte die gemischten Überreste zurück in die Küche. Wenige Augenblicke später tänzelte er schon wieder mit frisch geordneten Schnitzeln zu den Gästen und servierte. Es soll sich um keine Neuware gehandelt haben. Mahlzeit!

1969 spielt der Zufall Schicksal. Sigi hält sich in Nesselwang auf und besucht am Abend das Tanzcafé Rebstöckle. Dort bringt eine Drei- Mann-Band wahnsinnigen Schwung ins Tanzbein. „Los Promillos“ mit Gitarrist Hermann Heinrich, Schlagzeuger Rudi Rutka und Keyboarder Ernst Freudling. Sigi Müller fachsimpelt mit den Musikern und wird aufgefordert, mit seiner Gitarre die Gruppe zu unterstützen. Schnell steht fest, dass Müller bei den „Los Promillos“ einsteigt. Denn dem bisherigen Gitarristen ist die tägliche Fahrerei von Innsbruck nach Nesselwang zu viel.

Sigi Müller ein Glücksfall für die Band 

Ein Glücksfall für die Band, die mit Sigi einen guten Gitarristen mit hitverdächtiger Popstimme bekommen hat. Darüber hinaus ist Sigi als Sprachenstudent in der Lage, die Lieder in englischer, italienischer, spanischer und französischer Sprache problemlos zu singen. In der Presse von damals ist zu lesen: „Erst Sigi Müller bringt den „Los Promillos“ das internationale Niveau.“

Sigi ändert noch etwas anderes an den Gepflogenheiten der Band. Der Name „Los Promillos“ kommt ja nicht von ungefähr. Als das Trio mit dem alten Gitarristen aus der Taufe gehoben wurde, stellten die drei Jungs an einem Abend nachweislich einen denkwürdigen Rekord auf: Sie begossen dies mit 142 Gläsern Jägermeister. Sigi spielte da nicht mit. Wenn ein Gast eine Runde ausgab, war das mittlere der drei Gläser mit Cola gefüllt. So wie die Formation auf der Bühne stand. Sigi in der Mitte. So entgeht er den alkoholischen Eskapaden. Nach einer Eingewöhnungszeit sollen es ihm die beiden Kollegen nachgemacht haben, erzählt man sich.

Die Gruppe ist so erfolgreich und beliebt, dass Gäste immer wieder nachfragen, ob das Trio nicht eine Schallplatte von sich hätte. Vor allem Touristen wollten unbedingt was von den „Los Promillos“ in die Heimat mitnehmen. So entschließen sich die drei, 1971 eine Langspielplatte in einem Tonstudio im München aufzunehmen. „Los Promillos im Rebstöckle“, eine Liveabfüllung. Und Sigi mittendrin in der Flasche. Dort dominiert vor allem seine gesangliche Vielfalt. Von Trini Lopez in mexikanischem Dialekt über das halbgejodelte Kufsteinlied bis hin zur heißen Nummer von Chuck Berry, Sigi schafft den gesanglichen Spagat mühelos.

Mit Musik das Studium finanziert

Müller setzt noch eins drauf. Er lernt ganz nebenbei Trompete. Damit will er bei Kerzenschein die Wirkung der Knieschieber erhöhen. „Blue Moon“ ist eine seiner Glanznummern. Bis zu dreimal am Abend, immer mit erfolgreichen Nachwirkungen. Schließlich hat ja mit diesem Song auch schon Elvis so manche „Goosebombs“ erzeugt. Und der Hit „Du“ von Peter Maffay darf auch immer wieder herhalten, damit die Umklammerungen der Paare nicht so früh gelöst werden müssen.

Das Geschäft mit der Musik läuft bei Sigi so gut, dass er seinen Beruf in einer Schongauer Firma an den Nagel hängt. Durch diese musikalische Finanzspritze finanziert er sein Studium. Erst zum Dolmetscher, dann in Richtung Lehramt. Bis 1977 tourt er zwischen Rebstöckle und Uni München hin und her. Zwischenstopps bei seiner Familie in Schongau inbegriffen. Man ist ja bestrebt, sein musikalisches Talent weiterzuvererben. Erst als Referendar zieht Sigi Müller einen Schlussstrich unter seine Musikerkarriere. Doch nur unter die wilde und exzessive. Der Musik ist er immer noch treu geblieben, nur etwas dezenter und ruhiger: Als Trompeter im Schongauer Posaunenchor.

Hans-Helmut Herold

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