Mit drei Bildschirmen und einem ausgedienten Autositz hat sich Angelo Michel in seiner Einzimmerwohnung seinen eigenen „Rennwagen-Simulator“ zusammengebastelt.
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Mit drei Bildschirmen und einem ausgedienten Autositz hat sich Angelo Michel in seiner Einzimmerwohnung seinen eigenen „Rennwagen-Simulator“ zusammengebastelt.

Sim-Racer aus Bernbeuren

Angelo heizt im Simulator virtuell über den Nürburgring

  • Elena Siegl
    VonElena Siegl
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Angelo Michel aus Bernbeuren ist Sim-Racer: Im Rennwagen-Simulator heizt er über Strecken wie den Nürburgring. Auch gegen Formel-1-Profis konnte er sich schon behaupten. Jüngst war der 21-Jährige bester Deutscher bei einem Rennen auf dem virtuellen Kurs von Silverstone. Alles bisher aber nur virtuell. Sein Traum: Einmal im richtigen Rennwagen durchstarten.

Bernbeuren – „Aha, Du zockst also?“, hat Angelo Michel unzählige Male gehört, wenn er von seinem Hobby erzählte. Mittlerweile zuckt der 21-jährige Bernbeurener nur noch mit den Schultern. Dass viel mehr hinter dem E-Sport steckt, könnten sich viele einfach nicht vorstellen.

Michel ist Sim-Racer. Das heißt, er tritt am Computer bei Autorennen an. Dafür trainiert er fast täglich, oft zwei, drei Stunden am Stück. „Man wiederholt eine Strecke immer wieder, um zu wissen, wann man wie reagieren muss. Wo Schwierigkeiten liegen und so weiter“, erklärt Michel, der nach einer Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker nun Fachinformatiker lernt. Da passiere es auch mal, dass er nach einem Training ins Bett geht und zehn Minuten später doch wieder vor dem PC sitzt, weil „es doch irgendwie schneller gehen muss“.

Schon als kleiner Bub begeistert vom Motorsport

Vom Motorsport war Michel schon als kleiner Bub begeistert. „Normalerweise fängt man dann mit Kartfahren an“, erzählt er. Doch dafür hatte die Familie weder Geld noch Zeit. Trotzdem unterstützte sie Angelo Michels Begeisterung. Der Papa stellte ihm eines Tages, da war Michel etwa zehn Jahre alt, eine Playstation mit Lenkrad ins Zimmer, erinnert sich Michel und muss grinsen. „Das haben wir dann auf einem Brett über einem Klappstuhl befestigt.“ Er hatte seinen eigenen „Rennwagen“, mit dem er zumindest virtuell Rennen fahren konnte.

Jüngster Sieger: Mit 16 Jahren gewann Angelo Michel beim Sim-Racing am Nürburgring.

Eine ähnliche Konstruktion hat Angelo Michel heute in seiner Einzimmerwohnung aufgebaut. Zwischen Bett und Küchenzeile stehen auf einem Tisch Marke Eigenbau drei Bildschirme leicht schräg zueinander, sodass man die Strecke wie aus einem Cockpit sieht. Sein Papa hat einen alten Sportwagen-Sitz organisiert, sogar Gurte sind daran befestigt.

Erst die Playstation, dann der Computer

Schon zwei, drei Jahre, nachdem er an der Playstation „gefahren und gefahren“ ist, stieg er auf den Computer um. Dort bieten sich ganz andere Möglichkeiten, erklärt er. Über Youtube-Videos war er auf organisierte Rennen aufmerksam geworden und bekam von „Rennfahrer-Kollegen“ schließlich den Tipp, dass es in der Schweiz Renncenter mit professionellen Simulatoren gibt und dort hohe Preisgelder vergeben werden. „Bis zu 5000 Franken (etwa 4660 Euro). Das war für mich, im Vergleich zu meinem Ausbildungsgehalt, wahnsinnig viel Geld“, erzählt Michel.

So ein Rennen im Simulator sei auch nochmal etwas anderes, als daheim am PC. Nicht nur, dass man in einem Rennwagen-Modell sitzt, das sich während der Fahrt bewegt. Auch die ganz Atmosphäre sei nicht vergleichbar. Zuschauer fiebern mit, halten bei einem Crash die Luft an, bejubeln den Sieger. „Daheim macht man den Bildschirm aus und ist allein.“

Mit 16 schon am Nürburgring gewonnen

Immer wieder fährt Michel deshalb zu Wettkämpfen der „Racing Unleashed“ nach Cham in der Schweiz, ist dabei auch recht erfolgreich. Mit 16 Jahren gewann er zum Beispiel ein virtuelles Rennen am Nürburgring. Und stand dann etwas verloren mit einer Champagnerflasche da, die ihm jemand in die Hand gedrückt hatte, und grübelte, wie man Korken knallen lässt. Den Titel „jüngster Sieger“ wird er wohl behalten, sagt er grinsend: Mittlerweile wurde das Teilnahmealter auf 18 Jahre hinaufgesetzt.

Ebenfalls in Cham war Michel jüngst mit Platz neun bester Deutscher bei einem erstklassigen Rennen auf dem virtuellen Kurs im englischen Silverstone.

Mit dem Preisgeld Führerschein und Auto finanziert

Mit einem Preisgeld hat Michel sich Führerschein und Auto finanziert. Einen „alten Twingo ohne Klimaanlage“, mit dem er immer wieder zu Rennen in die Schweiz gefahren ist.

Besonders gefällt ihm am E-Sport und speziell am „Sim-Racing“, dass es jedem offen stehe. „Der Zehnjährige tritt gegen den 60-Jährigen an.“ Auch gegen echte Formel-1-Profis wie etwa Max Verstappen ist Michel schon gefahren. Viele seien in der Corona-Krise auf den Geschmack gekommen. Dass die Branche immer mehr Wertschätzung und Nachwuchs findet, ist Michel in den vergangenen Jahren aufgefallen.

Ein ganz anderes Gefühl und mehr Trubel herrschte bei Rennen im richtigen Simulator in der Schweiz.

„Sim-Racer“ brauchen vor allem Zeit, „gute Reflexe und müssen schnell Entscheidungen treffen“. Vergleichsweise wenig Geld müssten sie in ihren Sport stecken, sagt Michel. Man taste sich quasi von oben heran. „Beim ersten Mal rast man in die Kurve – egal, wenn man 100 Mal rausfliegt – bis man irgendwann die richtige Geschwindigkeit gefunden hat. Ein Rennwagen wäre da nur noch Schrott“, erzählt Michel. Beim Rennsport müsse man sich – genau anders herum – langsam herantasten, vergleicht der Bernbeurener.

Anders als bei anderen E-Sportarten, sei man beim „Sim-Racing“ relativ nah am Ursprungssport. Hin und wieder werden deshalb bei Wettkämpfen auch Fahrten in echten Rennwagen verlost. Das große Ziel von Michel. „Vielleicht würde ich im richtigen Rennwagen versagen. Ich glaube aber nicht und würd’s gerne ausprobieren.“

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