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„Herzensangelegenheit“: Reiseunternehmer fährt auf eigene Faust Gepäck nach Kroatien – und rettet Gruppe den Urlaub

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Von: Barbara Schlotterer-Fuchs

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Gestrandete Koffer, so weit das Auge reicht, hat Reise-Unternehmer Michael Sprenzel am Münchner Flughafen fotografiert.
Gestrandete Koffer, so weit das Auge reicht, hat Reise-Unternehmer Michael Sprenzel am Münchner Flughafen fotografiert. Dass er hier die Koffer seiner Reisegruppe herausfischen und retten konnte, grenzt an ein Wunder. © Michael Sprenzel

Weil seine Reisegruppe dem Kofferchaos am Flughafen zum Opfer fiel, fackelte ein Reise-Unternehmer nicht lang. Auf eigene Faust fuhr er nach Kroatien, damit die Gruppe mit dem Schiff ablegen kann.

Bernbeuren – Es ist eine irre Geschichte, eine Geschichte über Kofferchaos, einen Reise-Unternehmer mit Herz und eine Reisegruppe im Glück. Aber von vorne: 30 Gäste freuen sich auf einen ganz besonderen Urlaub. Im Rahmen des 70-jährigen Firmenjubiläums soll es mit dem Flieger nach Split gehen, von dort aus mit einer eigens gecharterten Yacht zu einer Rundreise und den herrlichsten Plätzen Kroatiens.

Klingt toll, gestaltet sich allerdings dieser Tage nicht ganz einfach: Der Flieger in München startet mit eineinhalb Stunden Verspätung. Es soll etwas mit dem Gepäck zu tun haben, so die Durchsage. Die Gruppe kommt mit Reiseleiterin Stephanie Sprenzel (32) am Ziel-Flughafen an. Alleine die Koffer fehlen. Und zwar alle.

Reiseunternehmer aus Bernbeuren fährt nach Kroatien, damit Gruppe mit Schiff ablegen kann

Die Verzweiflung ist groß, denn: Selbst, wenn die Koffer nachgesendet werden könnten, ist die Yacht längst unterwegs und befindet sich schon bei Dubrovnik, also weit weg vom Flughafen in Split. „Das hätte niemals funktionieren können“, weiß der Bernbeurener Reiseunternehmer Michael Sprenzel (34) von der Firma Heinz Sprenzel Reisen. Horror-Trip also statt Traumreise – ohne Bikini, Wechselwäsche und Zahnbürste?

Sprenzel sitzt gerade in Füssen mit seinen Eltern beim Kaffeetrinken, als er den verzweifelten Anruf seiner Frau bekommt. Er fackelt nicht lange, klemmt sich hinters Steuer seines VW-Busses und startet durch nach München. Die Lage dort ist extrem angespannt. Das Personal ist angesichts der gestrandeten Kofferhaufen sichtlich überlastet, es gibt viele Diskussionen. „Verständlich“, sagt Sprenzel. Schließlich seien es aktuell fünf bis zehn Flieger, die hier täglich ohne Gepäck starten, wird ihm erklärt.

Die jungen Bernbeurer Reise-Unternehmer Stephanie Sprenzel und ihr Mann Michael haben 30 Reiseteilnehmern den Urlaub gerettet.
Die jungen Bernbeurer Reise-Unternehmer Stephanie Sprenzel und ihr Mann Michael haben 30 Reiseteilnehmern den Urlaub gerettet. © Michael Sprenzel

Wie das tatsächlich vor Ort aussieht, kann man sich nur vorstellen, wenn man es wie Sprenzel mit eigenen Augen gesehen hat. Seiner Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass er in Bereiche gelassen wird, zu dem Reisende am Flughafen eigentlich keinen Zutritt haben. Mehrere tausend Koffer türmen sich hier. „Es war schon erschreckend, so viel herrenloses Gepäck rumstehen zu sehen“, so Sprenzel. Wie soll er hier in diesem Chaos die 30 abgängigen Koffer seiner Reisegruppe finden?

Koffer standen schon auf Rollfeld – „aber es gab keinen, der sie eingeladen hat“

Die Reisegruppe indes in Split weiß nichts von der irren Koffersuche Sprenzels am Flughafen, erscheint ein Erfolg doch nahezu aussichtslos. Auch Stephanie Sprenzel will zu dem Zeitpunkt keine Hoffnungen erwecken, um dann später enttäuschen zu müssen. Die Stimmung ist, gelinde gesagt, nicht die beste. Sprenzels Engagement wird auch von einer Flughafen-Mitarbeiterin bewundert, die schließlich einen nicht unerheblichen Teil zur erfolgreichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen beiträgt.

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Nach zwei Stunden sind die Koffer der Bernbeurener Sprenzel-Reisegruppe gefunden. Bis auf drei Koffer sind alle da. Geklappt hat das nur, weil an jedem Koffer ein firmeneigener, roter Kofferanhänger angebracht ist. Es stellt sich heraus: „Die Koffer sind schon auf dem Rollfeld neben der Maschine gestanden. Aber es hat keinen gegeben, der sie eingeladen hat.“ Ein anschauliches Beispiel für den akuten aktuellen Personalmangel an den Flughäfen also.

„Leute hatten Tränen in den Augen“: Reisegruppe ist von Engagement des Fahrers überwältigt

Der Flieger war um 14 Uhr gestartet. Neun Stunden später, also um 23 Uhr, sitzt Michael Sprenzel mit seinem jüngeren Bruder im VW-Bus und startet nach Split. Elf Stunden fahren die zwei Männer durch, gönnen sich gerade mal einen Blitz-Kaffee-Stopp. Die Zeit ist knapp: Mehr als 1000 Kilometer sind zu bewältigen. Die Yacht sollte eigentlich schon am Vortag ablegen, aber das Programm wurde kurzerhand geändert und die Abfahrt verschoben.

Erst nach dem Frühstück erfahren die Reiseteilnehmer, dass ihre Koffer tatsächlich so gut wie alle an Bord sind. Als Michael Sprenzel um 8.15 Uhr vor Ort eintrifft, überschlagen sich die Emotionen. „Die Leute hatten Tränen in den Augen und sind mir um den Hals gefallen. Ich bekomme noch jetzt eine Gänsehaut, wenn ich daran denke.“

Für Chef des Familienunternehmens ist die gute Tat „eine Selbstverständlichkeit“

In Sachen Reisen hat der Reise-Unternehmer freilich schon so einiges erlebt, „aber das übertrifft alles“. Man könnte jetzt sagen: Sind doch nur Koffer. „Ích hätte auch nie gedacht, dass Koffer so wichtig sind“, räumt Sprenzel ein. Aber mal ehrlich: Eine Reise ohne Gepäck, ohne das Lieblingskleid, ohne die tollen Lauf-Schuhe, den neuen Bikini. Das kann einem schon mal den Urlaub vermiesen.

Für den Chef des Familienunternehmens und seine Frau ist die Koffer-Aktion keine Heldentat. „Das ist eine Selbstverständlichkeit, eine Herzensangelegenheit“, betont Sprenzel. Ihre Kunden jedenfalls dürften diesen ganz besonderen Einsatz sicherlich nicht so schnell vergessen.

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