Mit seiner Frau Thea, Freunden und Gästen feierte Volker Diehl (6.v.r.) 2018 die Enthüllung der von ihm gestifteten Figur des griechischen Geschichtenschreibers und Geographen, der in der Zeit von 63 vor bis 23 nach Christus lebte. Bildhauer Josef Walk (3.v.li.) hatte die Figur geschaffen.
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Strabon grüßt vom Auerberg: Mit seiner Frau Thea, Freunden und Gästen feierte Volker Diehl (6.v.r.) 2018 die Enthüllung der von ihm gestifteten Figur des griechischen Geschichtenschreibers und Geographen, der in der Zeit von 63 vor bis 23 nach Christus lebte. Bildhauer Josef Walk (3.v.li.) hatte die Figur geschaffen.

Wer gründete das sagenhafte Damasía auf dem Auerberg?

Ein bizarrer Streit über Römer und Kelten beschäftigt Bernbeuren

  • vonJörg von Rohland
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Auf der einen Seite steht die geballte Wissenschaft, auf der anderen der Hobby-Archäologe Volker Diehl. Er behauptet, dass die Kelten schon lange vor den Römern den Auerberg besiedelten. Die Forscher wissen nicht, ob sie darüber „lachen oder weinen sollen“.

Bernbeuren – Es geht um Kelten und Römer und den griechischen Geschichtsschreiber und Geographen Strabon, der das sagenhafte Damasía auf dem Auerberg beschrieb. Der Hobby-Archäologe Volker Diehl will mit seinen Nachforschungen bewiesen haben, dass die Kelten lange vor den Römern den „Schwäbischen Rigi“ besiedelten und erst in einer vernichtenden Schlacht besiegt wurden. Für das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege in München (BLfD) ist Diehl dagegen ein „Verschwörungstheoretiker“. Am Auerberg hat der 84-Jährige aber auch ein paar treue Fans.

Hatten die Kelten schon vor den Römern eine Stadt auf dem Auerberg?

Schön hatten sie es, die Kelten auf dem Auerberg. Das legen zumindest die Geschichten nahe, die Volker Diehl zusammengetragen hat. Der in Stötten aufgewachsene Elektroingenieur und Heimatforscher ist der festen Überzeugung, dass die Kelten Jahrhunderte vor den Römern den „Schwäbischen Rigi“ besiedelten und darauf das sagenhafte „Damasía“ gründeten: Die Stadt gilt als Zentrum des keltischen Stammes der Likatier – die früheren Bewohner des Lechtals. Die Wissenschaft verbannt die Theorien des heute 84-Jährigen allerdings ins Reich der Fantasie und pocht darauf, dass die Römer die erste Siedlung auf dem Auerberg errichteten.

Autor glaubt an Vernichtungsschlacht durch die Römer

Diehl ist ein bekennender Fan von Asterix und seinen unbeugsamen Galliern. Und in seinem Buch „Damasía auf dem Auerberg“ leidet er förmlich mit den zu den Galliern zählenden Kelten: Diehl beschreibt, wie die Römer 15 Jahre vor Christi Geburt über den Auerberg herfallen und ihre Stadt Damasía dem Erdboden gleich machen. 20 000 bayerische Freiheitskämpfer werden in einer brutalen Schlacht getötet. Dazu kommen Flüchtlinge, Frauen, Kinder und Alte, die laut Diehl innerhalb der Auerbergwälle Schutz gesucht hatten. „Alle wurden von den Römern restlos vernichtet und die Leichen in einem heute noch erkennbaren etwa 20 Kubikmeter großen Brandhügel, bestehend aus tiefschwarzem Material, verbrannt“, schreibt der Autor in seinem Buch.

Im Auerbergmuseum sind die Büchlein Diehls tabu

Im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege werden die Schriften Diehls nicht mal mit der Kneifzange angefasst. Auch im Bernbeurer Auerbergmuseum sind die Büchlein tabu: „Wir distanzieren uns von diesen Aussagen“, betont der Vorsitzende des Museumsvereins, Helmut Gehlert. Den Grund schickt er gleich hinterher: „Sie sind wissenschaftlich nicht haltbar.“ Gehlerts Stellvertreter Peter Ernst hat dem nicht viel hinzuzufügen. „Das Thema ist emotional hoch geladen“, bittet er auf Anfrage um Verständnis und verweist lieber auf die Wissenschaftler, die den Auerberg eingehend erforscht haben.

Landesamt für Denkmalpflege sieht in Geschichten Verschwörungstheorien

Einer davon ist Professor Sebastian Sommer, Landeskonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege in München. Und er packt Diehl nicht gerade mit Samthandschuhen an: „Ich weiß seit langem nicht mehr, ob ich – und mit mir die versammelte Archäologenschaft – lachen oder weinen soll“, sagt der Professor zu den Veröffentlichungen des 84-Jährigen. Der Landeskonservator erklärt Diehl und seine Mitautoren kurzum zu „Verschwörungstheoretikern“ und „-verbreitern“ und verweist auf die umfangreichen und langjährigen Untersuchungen der Archäologen auf dem Auerberg: „Alle, und ich meine wirklich ALLE Ausgrabungen auf dem Auerberg und auch die Fundaufsammlungen haben bis auf ein oder zwei publizierte keltische Altstücke überhaupt keine Hinweise auf einen keltischen Vorgänger der römischen Siedlung geliefert“, schreibt der Professor in einer E-Mail. Und überhaupt keine Hinweise sieht der Experte auf das von Diehl beschriebene Zusammentreffen von Kelten und Römern samt „Gemetzel“ oder gar „Genozid“, so Sommer.

In seinem Element: Volker Diehl zeigt Keltenspuren, die er auf dem Auerberg gefunden haben will.

Werner Zanier, seines Zeichens „wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kommission zur Vergleichenden Archäologie römischer Alpen- und Donauländer der Bayerischen Akademie der Wissenschaften“, zerreißt Hobby-Forscher Diehl förmlich in der Luft: In der Fachzeitschrift „Bayerische Archäologie“ schreibt sich Zanier Zeile für Zeile in Rage: Die Schlacht auf dem Auerberg sei „ein Phantom“, urteilt er in dem „Auerberg verkehrt“ überschriebenen Bericht. Weder antike Schriftquellen noch zahlreiche vom Auerberg bekannte Bodenfunde würden irgendwelche Hinweise auf ein Schlachtgeschehen vor Ort liefern. „Die Arbeitsweise des Autors ist voller Fehler, sein methodisches Vorgehen unlogisch, seine Argumentationen widersprüchlich“, lautet das vernichtende Fazit Zaniers. Er wirft Diehl vor, „ein in seiner Fantasie entworfenes Bild mit allen Mitteln und unter allen Umständen“ bestätigen zu wollen. Und: Wenn, wie im vorliegenden Fall, „durch eine pseudowissenschaftliche Arbeitsweise eine Geschichtsfälschung produziert und diese dann auch noch öffentlich in Buchform und Plakaten oder Tafeln verbreitet wird, dann muss diesem Vorgehen vehement entgegengetreten werden“, protestierte Zanier.

Vernichtender Artikel in Fachzeitschrift durch Pressefreiheit gedeckt

Der Artikel in der Fachzeitschrift traf Volker Diehl ins Mark. Er kann sich bis heute nicht erklären, warum Zanier ihn so angegangen war. „Ich hatte ihn als feinen Menschen in Erinnerung“, sagt der 84-Jährige, der hinter dem Bericht gar „einen Ghostwriter“ vermutete und die Zeilen juristisch prüfen ließ. „Der Anwalt hat mir aber gesagt, dass das durch die Pressefreiheit gedeckt ist.“

Mit einer bayernweit geschalteten großflächigen Zeitungs-Anzeige stellte Diehl jüngst noch einmal seine Sicht der Dinge über Kelten und Römer auf dem Auerberg dar. Das machte er aber nicht, um den Kritikern eins auszuwischen, sondern „um den Freundschaftsgedanken mit Frankreich herauszuheben“, betont Diehl. Hauptgrund der Annonce sei das Strabonjubiläum und „die sich daraus eröffnende völkerverbindende Parallelität von Alesia (Burgund) und dem Auerberg“.

Diehl erfreute sich einer behüteten Kindheit am „Schwäbischen Rigi“

Mit dem „Schwäbischen Rigi“ fühlt sich Diehl seit seiner Kindheit verbunden. Mitten im Zweiten Weltkrieg kam der in Frankfurt am Main Geborene als Bub ins Allgäu. Sein Vater war seit 1939 Ausbilder in der Flak-Artillerie-Schule in Altenstadt, die Familie folgte ihm später zum gemeinsamen Wohnort nach Stötten an den Auerberg. „Das war mein großes Glück, ich habe mein ganzes Leben nie hören müssen, wie eine Bombe fällt“, sagt der Stöttener rückblickend. Diehl erfreute sich einer behüteten Kindheit am Fuße des Auerbergs, den er kennen und lieben lernte. Und natürlich entgingen ihm nicht die Forscher, die auf dem Berg den Spaten ansetzten.

Wissenschaftler: Es fehlt jede Spur von vorrömischer Siedlung

Einer von ihnen war Günter Ulbert, der schon 1953 damit anfing, die Geschichte des Auerbergs zu erforschen und von 1968 bis 1979 zahlreiche, meist von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte Kampagnen durchführte. Auch er suchte nach keltischen Spuren. Letztlich kam die Wissenschaft aber zu der Erkenntnis, „dass entgegen früherer Erwartungen nach wie vor jede Spur einer vorrömischen Siedlung fehlt“, schreibt Landeskonservator Sommer. Die Befestigungsanlagen auf dem Auerberg wurden demnach erst mit oder nach Beginn der römischen Besiedelung des Berges „weitgehend einheitlich als etwa drei bis vier Meter breite Erdwälle in militärisch-römischer Manier mit gesetzten Rasensonden in der Front und der Rückseite errichtet“.

Hobby-Forscher nimmt selbst Bodenproben und spricht von „Sensation“

Elektroingenieur Diehl schickte sich an, das Gegenteil zu beweisen: Als er in den Ruhestand ging, begann der Rentner, selbst auf dem Berg zu forschen und zu bohren. Seine Ergebnisse preist Diehl in seinen Büchern sehr selbstbewusst „als kleine Sensation“ an. Als Quellen nennt der Hobby-Forscher zum einen den antiken griechischen Geschichtsschreiber und Geographen Strabon, der den Auerberg als „die Keltenstadt Damasía“ beschrieb. Zum anderen hat Diehl aber auch selbst Bodenproben genommen und untersuchen lassen. Aus den Ergebnissen will er abgelesen haben, dass die Keltenstadt tatsächlich existierte. Und er weiß, wem er zu danken hat: „Nur durch tatkräftige Mitwirkung des Freundeskreisteams konnten im Laufe mehrerer Unternehmungen die einzelnen Fundpuzzles bestehend aus C14-Altersbestimmungen sowie Magnetometer- und Bodenradar-Ergebnissen die Jahrtausende alten Siedlungsepochen auf dem Auerberg identifiziert werden“, so Diehl.

Ortschronist unterstützt die Theorie und zieht seine Hut vor Volker Diehl

Einer der Unterstützer, der bis heute felsenfest zu dem 84-Jährigen hält, ist der Bernbeurer Ortschronist Heinz Engl. Der langjährige Rektor der örtlichen Grundschule hatte zunächst selbst Zweifel, ob Diehls Probebohrungen am Behelfsparkplatz des Panoramahotels auf dem Auerberg überhaupt Sinn machen würden. „Umso größer war meine Überraschung, einige Monate später von Volker zu hören, dass die Prospektionsfirma schon vorab eine ,Sensation’ vermeldet hat“, berichtet Engl. Diehl wollte dort im April 2019 ein Keltenforum entdeckt haben, und auch Engl war davon überzeugt. Obendrein habe Diehl auch die Frage gelöst, „wie die angreifenden Römer das Wegeproblem ohne Via Claudia überwinden konnten“.

Blick vom „Bayerischen“ auf den „Schwäbischen Rigi“: Der Auerberg steckt voller Geheimnisse, die Volker Diehl in ihren Bann zogen.

Der Ortschronist zieht seinen Hut vor Volker Diehl und bemängelt, dass die Forscher aus München „alles nur aus römischer Sicht“ betrachten. Engl wirft ihnen offen Arroganz vor: „Sie sagen, ein Mann, der nicht Akademiker ist, der kann nicht diese Kenntnisse erbringen.“

Bürgermeister hält sich „an wissenschaftliche Fakten“

Im Bernbeurer Rathaus hält man sich so gut es geht aus dem Streit heraus, Bürgermeister Karl Schleich hat aber eine klare Meinung: „Ich bin auf dem Standpunkt, dass es Spekulationen sind“, sagt er zu Diehls vermeintlichen Entdeckungen. Schließlich habe man auf dem Berg bislang keine einzige Scherbe von den Kelten entdeckt. „Ich halte mich an die wissenschaftlichen Fakten“, so der Bürgermeister, der das Thema in der Gemeinde aber ohnehin nicht sehr weit oben angesiedelt sieht: „Dem Großteil der Bevölkerung ist es ziemlich egal.“

Diehl sieht seine Mission als erfüllt an: „Wir waren an der Spitze der Forschung“

Diehl lebt seit Jahren in Baden Württemberg. Zuletzt hat es ihn nicht mehr ganz so oft in die alte Heimat gezogen. Er werde nicht jünger und die Fahrt ist lang, sagt er. Seine Mission am Auerberg sieht der Rentner als erfüllt an. „Wir sind an der Spitze der Forschung gewesen, es gibt nichts, was wir noch herausfinden könnten.“

Insgeheim hofft Diehl aber wohl noch immer auf Anerkennung in der Fachwelt. Zumindest aber auf einen Asterix-Band. Einen Titel hätte Diehl schon parat: „Asterix hilft Freunden in Damasía.“

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