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Der Steinbruch bei Ellensberg. Hier kann man sogar Haifischzähne finden.

Stippvisite in die Urzeit

Als am Auerberg noch Haie schwammen

Bernbeuren - Bekannt ist der Auerberg vor allem durch seine römische Besiedelung vor 2000 Jahren. Vor 20 Millionen Jahren schwammen hier aber noch Haie. Nun lud die IG Auerberg zu einer Stippvisite in die Urzeit ein.

Der letzte Aufschluss des Tages ist der vielleicht interessanteste. Beim Weiler Ellensberg nämlich, hinter einem Bauernhof versteckt, erhebt sich die Felswand aus dem für den Auerberg so typischen Konglomerat mit zahlreichen Fossilien, Resten von Muscheln und vielleicht auch Schnecken, vor allem aber Haifischzähnen. Vor zwei Jahren erst gelang dem Kaufbeurer Tobias Klöck ein aufsehenerregender Fund, der Zahn eines urzeitlichen Haies. Nun steht Klöck wieder an der Felswand, zusammen mit zwei Dutzend Interessierten aus dem Ostallgäu und dem Raum Schongau. Die Interessensgemeinschaft IG Auerberg hatte wieder zu einer ihrer Führungen eingeladen, für die Barbara Zach diesmal den Hobbygeologen Klöck gewinnen konnte.

Für rund zweieinhalb Stunden standen die Obere Meeresmolasse, die Nagelfluh-Konglomerate und ihre Fossilen sowie die alpine Gebirgsbildung im Mittelpunkt der Führung, die am Westende des Auerbergrückens ihren Anfang nahm. Dort, genauer gesagt am „hangenden Stoi“ bei Stötten, tauchen die Gesteine, die in der geolgischen Karte grün dargestellt sind, erstmals aus dem Untergrund auf und bilden den Härtling inmitten der weicheren Gesteine des Alpenvorlandes. Hier hat Klöck die kleine Gruppe versammelt, um eine erste Einführung in die Geologie zu geben.

Zu sehen sind nach Südwesten einfallende Gesteinsschichten, vor allem Sandsteine und Kiese, „sehr hart miteinander verbackene Kiese“, so Klöck: der so genannte Nagelfluh. „Im Allgäu heißt der Herrgottsbeton“, meint Klöck weiter. Und erklärt, warum die Gesteinsschichten nicht eben liegen. Dazu holt er einen Stapel Taschentücher aus der Jacke und zeigt, was vor gut 70 Millionen Jahren hier begann – „als die Dinos hier herum gelaufen sind“ – und sich noch immer abspielt: die Kollision der afrikanischen mit der eurasischen Platten, in deren Folge die Gebirgsbildung den Alpenbogen formte. Wie eine Schubraupe, meint Klöck, habe Afrika gegen Europa gedrückt und das Gebirge aufgefaltet. Ein Vorgang, der noch immer anhält und der enorme Spannungen im Untergrund aufbaut, wie Klöck erzählt. Die sich auch gelegentlich noch in Erdbeben entladen können. Gleichzeitig habe die Erosion begonnen, die Berge wieder abzutragen, Flüsse, wie heute Lech oder Iller, transportierten die Gesteine ins Vorland und dem vorgelagerten Meer. Dabei hätte man hier, am Auerberg, vor 20 Millionen Jahren wohl nicht stehen können.

Die Gegend war damals eine Meeresbucht, weiß Klöck, der eigentlich BWL studiert hat. Und hier lagerte ein aus den Bergen kommender Fluss seine Fracht in einem großen Schuttfächer ab. Entsprechend sind die geologischen Verhältnisse, süßes Wasser aus den Bergen wechselt mit salzigerem Meerwasser: untere Meeresmolasse, darüber Süßwassermolasse, dann die obere Meeres- und zum Schluss nochmals Süßwassermolasse.

So stehen die Exkursionsteilnehmer nun in der oberen Meeresmolasse, am Rande einer flachen Bucht, wie die Wellenrippel, die hier im Sediment konserviert wurden, beweisen. Mit einer Vorstellung räumt Klöck dabei auch gleich noch auf: der Auerberg war keine Insel. Tatsächlich geht man inmitten der Gesteine auf Meeresgrund, der damals irgendwo südlicher, im Bereich des heutigen Mittelmeers gelegen haben muss und der erst durch die Gebirgsbildung hierher kam.

Drei Aufschlüsse, so heißen in der Sprache der Geologen Punkte, wo man einen Einblick in die Gesteine des Untergrundes bekommt, hat Klöck herausgesucht, vom Westende geht es über das Bachtal auf die Ostseite des Auerberges. Was die Exkursionsteilnehmer in knapp drei Stunden mit dem Auto erfahren, kann man auch zu Fuß an einem Tag bewältigen, wobei der Marsch wohl noch beeindruckender sein dürfte. Dann bekommt man ein Gefühl für die Vorgänge unter unseren Füßen. Am Anfang, bei Stötten noch, kann der Wanderer ins Bachtal reinlaufen, wo das Gewässer sich in die Gesteine hineingefressen hat. Weiter stromaufwärts dann kommen die ersten Fossilien, zumeist Muscheln in den verschiedensten Erhaltungszuständen, wie Klöck den Interessierten zeigt. Je nachdem, ob ihre Schale aus Kalzit oder Aragonit bestand, sind die Muscheln mehr oder weniger gut erhalten oder nur noch als Abdrücke sichtbar. Und je weiter man in die Urzeit vordringt, je mehr man findet, desto faszinierender auch die Beschäftigung mit dem Thema.

So wie es dem damals siebenjährigen Tobias Klöck ergangen sein muss, als er bei einer Ausstellung in Kaufbeuren einen hier gefunden Haifischzahn sieht. Die Vorstellung, dass hier vor Jahrmillionen ein Meer gewesen sei anstatt der grünen Wiesen, fasziniert den „siebenjährigen Pimpf“, so Klöck über sich selbst. Von da an sieht er die Landschaft mit anderen Augen, vor allem seinen Hausberg. „Der Auerberg ist ein sehr interessanter Berg“, gesteht Klöck, „Hier trifft Geologie auf Archäologie, auf Landschaftskunde und Landschaftsentstehung“.

Diesen anderen Blick, diesen neuen Zugang zum Auerberg will auch die IG Auerberg fördern. Es müssten ja nicht immer die Römer sein, hatte Barbara Zach eingangs gemeint und der erste Vorsitzende der IG, Karl Schleich, noch ergänzt, man wolle einen neuen Zugang zum Auerberg im Bewusstsein der Menschen schaffen. Dazu gibt es im Übrigen auch handliche Führer, die einen kleinen Abstecher in die Geologie des Alpenvorlandes machen. Und wer mehr über den Auerberg erfahren will, kann sich an die IG Auerberg wenden, die in regelmäßigen Abständen Führungen zu bestimmten Themen anbietet.

Oliver Sommer

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